Jüdischer Friedhof Würzburg

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Blick auf den Jüdischen Friedhof

Der Jüdische Friedhof Würzburg bzw. auch Israelitische Friedhof Würzburg mit über 2000 Grabsteinen befindet sich an der Kreuzung Werner-von-Siemens-Straße / David-Schuster-Weg im östlichen Teil des Stadtbezirks Grombühl unweit der Grenze zu Lengfeld. Seit dem 4. Juli 1882 finden dort Bestattungen der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken statt. Mit dem Jüdischen Friedhof Heidingsfeld und dem Jüdischen Friedhof Höchberg (bei beiden finden keine Bestattungen mehr statt) gibt es drei israelitische Friedhöfe im Raum Würzburg.

Geschichte[Bearbeiten]

Der erste jüdische Friedhof wurde zu Beginn des 12. Jahrhunderts an der Ecke der heutigen Blasiusgasse zum Schmalzmarkt von den ersten jüdischen Würzburgern angelegt. In unmittelbarer Nachbarschaft (Bereich der heutigen Schustergasse und Langgasse) befand sich im 12. und 13. Jahrhundert das Judenviertel. Mit der Zunahme der jüdischen Bevölkerung wurde der Friedhof zu klein. Ein jüdisches Ehepaar kaufte deshalb im Bereich der heutigen Inneren Pleich ein größeres Grundstück für einen neuen Friedhof [1]. Dieser diente bis zur Errichtung des Juliusspitals durch Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn im Mai 1576 als Begräbnisstätte. 1435 Grabsteine und Grabsteinfragmente dieses geschlossenen Friedhofs werden im Jüdischen Museum aufbewahrt.

Bis zur Eröffnung des jüdischen Friedhofs im Stadtbezirk Grombühl fanden die Bestattungen auf dem Jüdischen Friedhof Heidingsfeld und dem Jüdischen Friedhof Höchberg statt. Am 4. Juli 1882 eröffnete der neue Friedhof nach zweijähriger Bauzeit mit der Bestattung von der jungen Amalie Bechhöfer:

„Gestern fand die Einweihung des israelitischen Friedhofes dahier durch die Beerdigung eines Kindes statt. Man hatte sich dazu eigener Umstände halber rasch entschlossen und eine besondere Feierlichkeit nicht veranstaltet. Vor der Bestattung der dahin verbrachten Leiche versammelten sich der Herr Rabbiner, die Kultusverwaltung und eine Anzahl Glaubensgenossen in dem bereits fertigen sehr schönen Friedhofs-Gebäude.“

Zitiert nach alemannia-judaica.de: Zeitschrift „Der Israelit“ vom 19. Juli 1882 [2]

Eine Besonderheit: Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde auch die Urnenbestattung auf dem Friedhof möglich. Dies veranlasste vor allem strenggläubige (orthodoxe) Juden dazu, sich nur noch auf dem Höchberger Friedhof bestatten zu lassen. 1929 wurde im Südosten eine Ehrengrabstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges eingeweiht. In der dazugehörigen Halle hängt eine, 1918 von jüdischen Studenten gestiftete Tafel mit den Namen von gefallenen Soldaten. [3]

Sein dunkelstes Kapitel schreibt der Friedhof mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten: Von 1933 bis 1945 wurde der Friedhof geschändet, das Friedhofshaus mit Taharahalle wurde von der Stadt beschlagnahmt. Bei Kriegsende waren etwa 40 Grabsteine mutwillig umgestoßen bzw. sind durch Granateneinschläge umgeworfen worden. Im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg wurde am 11. November 1945 neben der Ehrengrabstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges ein Mahnmal für die in der NS-Zeit ermordeten Juden eingeweiht. Laut Inschrift wird hier der Opfer gedacht, „deren Namen ausgelöscht und deren sterbliche Überreste vernichtet wurden."

Gegenwärtig wird der Friedhof und dessen Belegungsplan von der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken verwaltet.Bestattet wurde auf diesem Friedhof auch David Schuster, der 1958 bis 1996 als 1. Vorsitzender der neuen Würzburger Israelitischen Gemeinde wirkte.

Charakteristik des Friedhofs[Bearbeiten]

Mausoleum der Familie von Hirsch im Nordteil des Friedhofs

Trotz seiner Lage mitten in einem Gewerbegebiet und der in nur wenigen Metern Luftlinie nordöstlich verlaufenden Bundesstraße 8 ist der israelitische Friedhof ein Kleinod und Ort der Ruhe. Begünstigt wird diese Tatsache durch die Umgrenzung mit einer mächtigen Friedhofsmauer und durch die zahlreichen über das Areal verteilten alten Bäume. Zugang erhält der Besucher durch das Eingangstor im Bereich Werner-von-Siemens-Straße / David-Schuster-Weg. Dort stößt er wiederum direkt auf das geradlinige, symmetrische Friedhofshaus mit Taharahalle, Leichenhalle und markanten Fenstern an der Südseite.

Im Folgenden steigt das Friedhofsgelände leicht an und gibt dem Friedhof einen natürlichen Charakter. Die älteren, teils sehr prunkvollen Grabstätten befinden sich vor allem im nördlichen Teil des Geländes und entlang der umgebenden Friedhofsmauer, während die neueren, meist schlicht gestalteten Gräber links- und rechtsseitig des Friedhofshauses zu finden sind. Während sich an den - teils verwilderten - älteren Grabsteinen zahlreiche Symbole erkennen lassen, zeigen die einheitlich gestalteten neuern Grabsteine vor allem den Davidstern. Markant sind außerdem Grabsteine, die aus einer scheinbar abgebrochenen Säule stehen. Diese sollen symbolisieren, dass der Verstorbene (in der Regel Kind und Jugendlicher) zu früh aus dem Leben geschieden ist.

Etwas abseits vom eigentlichen Gräberfeld befindet sich südöstlich eine kleine Urnenhalle mit Dachreiter. Im Dreieckgiebel befindet sich ein kleiner Davidstern. Etwas nördlich davon gelegen befindet sich das Ehrengrab und eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus mit Feuerschale. Davor gelegen ziert ein Davidstern aus Blumen eine Rasenfläche. Folgt man den Pfaden im Friedhof ganz in den Norden, so trifft man auf ein etwa ebenso großes Mausoleum mit vier Grabmälern. Bei einem gewissen Sonnenstand fällt das Licht der einstrahlenden Sonne genau auf die Grabsteine. Auf dem Türmchen des Mausoleums befindet sich eine sternförmige Spitze.

Erweiterungsfläche[Bearbeiten]

Oberbürgermeister Christian Schuchardt hat der jüdischen Gemeinde Würzburg am 22. November 2016 offiziell die Erweiterungsfläche des Israelitischen Friedhofs übergeben. Der neue Teil ist mit dem bestehenden Friedhofsgelände in der Werner-von-Siemens-Straße 2 verbunden, aber auch direkt über den David-Schuster-Weg zu erreichen.

Die Planungen für die Erweiterung des Israelitischen Friedhofs begannen bereits in den 1990er Jahren, der Bau hat sich aber immer wieder verzögert und war lange Zeit aus finanziellen Gründen nicht möglich. Erst in den Jahren 2013 und 2014 wurden die Mittel in den Haushalt der Stadt Würzburg eingestellt. Der Spatenstich erfolgte im Juli 2015. Oberbürgermeister Christian Schuchardt hat die Erweiterung schon in seiner Zeit als Kämmerer begleitet mit dem Vertragsabschluss mit der jüdischen Gemeinde. „Dieser Vertrag“, betonte Schuchardt nun bei der offiziellen Übergabe und Einweihung, „wurde auf ewig geschlossen. Und es ist schön, dass die jüdische Gemeinde in Würzburg wieder so angewachsen ist und wieder eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft spielt, dass die Erweiterung des ‚jüdischen Hauses der Ewigkeit‘ notwendig wurde.“

Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Würzburg, dankte besonders der Stadt Würzburg, aber auch dem Freistaat Bayern und der Firma, der ein Teil des neu angelegten Geländes gehört hatte.

Die Planung und Durchführung der Friedhofs-Erweiterung hat das Gartenamt Würzburg von Beginn an übernommen. Auch die Bepflanzung übernahm das Gartenamt der Stadt Würzburg. Auf einer Gesamtfläche von etwa 2.300 m² entstanden 406 neue Gräber. Eine Lärmschutzwand zur B8 und eine Einfriedungsmauer zum David-Schuster-Weg grenzen den neuen Bereich des Friedhofs ab. Ebenfalls neu erstellt wurden die Toranlage und das Verbindungstor mit Treppe zum bestehenden Friedhofsteil. Ein Handwaschbecken ermöglicht die rituelle Handwaschung. Im Zuge der Herstellung der notwendigen Erdarbeiten für die dazu notwendige Wasserleitung wurden im gleichen Zug auch die Hauptwege des alten Friedhofs teilerneuert. Bepflanzt ist die Fläche mit Rasen auf den neuen Grabflächen, Sträuchern und klein- und mittelkronigen Laubgehölzen. Der mittige Platz, an dem auch Sitzgelegenheiten installiert wurden, steht auf etwa 600 m² befestigter Fläche. Die jüdische Gemeinde hat an diesem Zentrum eine Gedenkstele zu Ehren aller Opfer des Nationalsozialismus aufgestellt.

Religiöse Besonderheiten[Bearbeiten]

  • Das Betreten des Friedhofs ist grundsätzlich jedem gestattet, Männer müssen jedoch eine Kopfbedeckung tragen (Kippa [1] oder Hut / Mütze).
  • Bei Verlassen des Friedhofs wäscht man sich an einem Waschbecken an der Ostseite des Friedhofhaus die Hände, weil die Nähe der Toten die Hände kultisch unrein macht.
  • Am Sabbat (Samstag) ist der Friedhof geschlossen.
  • Übermäßiger Blumenschmuck ist in der jüdischen Tradition eher unüblich, statt dessen werden von manchen Besuchern kleine (oft weiße) Steine auf die Grabplatten bzw. den Grabstein gelegt. Teilweise stehen am Grab auch Schalen oder Behältnisse, in welche die Steine abgelegt werden können.

Gräber[Bearbeiten]

Führungen[Bearbeiten]

Stadtratmitglied Willi Dürrnagel bietet in unregelmäßigen Abständen sachkundige Führungen über den Israelitischen Friedhof an. Die Führungen sind kostenlos.

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Roland Flade: Die Würzburger Juden - Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 1987. ISBN 3800303019
  • Karlheinz Müller, Simon Schwarzfuchs, Rami Reiner: Die Grabsteine vom jüdischen Friedhof in Würzburg aus der Zeit vor dem Schwarzen Tod (1147-1346). 3 Bände, Wikomm-Verlag, Stegaurach, 2012. ISBN 978-3-86652-958-8
  • Lothar Mayer: Jüdische Friedhöfe in Unterfranken. 2010. ISBN 978-3-86568-071-6
  • Remembrance and Encounter. Biographical Traces of Würzburg Jewry on the Occasion of the Visit of Former Jewish Citizens in Würzburg, 16 to 23 April 2012, ed. by the Johanna Stahl Center for Jewish History and Culture in Lower Franconia and the Stolperstein Initiative Würzburg, Würzburg 2012, S. 15-20, dt. Originalfassung.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise, Hinweise und Erläuterungen[Bearbeiten]

  1. Siehe auch Siegfried von Truhendingen
  2. Alemannia-Judaica.de
  3. Gisela Burger: Süßkind, Fechenbach und Amichai. Anekdoten und historische Spuren aus Würzburgs jüdischer Geschichte, Jüdische Allgemeine - Wochenzeitung für Politik, Kultur und Jüdisches Leben (26. Oktober 2006)
  4. Ein Taharahaus ist das Gebäude, in dem die Leichenwaschung (Tahara) an verstorbenen Juden vor der Bestattung stattfindet. Es befindet sich auf jüdischen Friedhöfen.
  5. Eine Geniza [geˈniːza], im Deutschen meist Genisa geschrieben (hebr. גניזה gənīzā, pl.: Genizoth; mit der Bedeutung: Lager, Depot, Speicher), ist ein manchmal vermauerter Hohlraum zur Aufbewahrung verbrauchter jüdischer liturgischer Schriften. Hier werden nicht mehr lesbare Torarollen oder andere Texte, die man nicht mehr benutzt, verschlossen abgelegt. Texte, die das Tetragrammaton (JHWH) oder andere Bezeichnungen Gottes enthalten, dürfen nicht einfach weggeworfen werden.

Kartenausschnitt[Bearbeiten]

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