Würzburger General-Anzeiger

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Titelseite des Würzburger General-Anzeigers vom 5. März 1916
Kopf der Titelseite des Würzburger General-Anzeigers vom 2. Februar 1933
Eigenwerbung des W.G.A. am 25. September 1883
Verlagshäuser Würzburger General-Anzeiger und J. M. Richter

Der Würzburger General-Anzeiger (auch Generaler oder General-Anzeiger für Würzburg und Umgebung) war eine Tageszeitung und Vorgänger der Main-Post.

Geschichte[Bearbeiten]

Gründungszeit[Bearbeiten]

Die Brüder Carl und August Richter waren Besitzer einer von ihrem Großvater Johann Stephan Richter im Jahre 1815 gegründeten und von den Eltern Johann Michael Richter und seiner Frau Anna Henriette Richter gut eingeführten Druckerei in der Plattnersgasse 17 in der Würzburger Altstadt. Als der Publizist Carl Köhl, Herausgeber des „Würzburger Journals“, Anfang 1883 den Richters den Druckauftrag kündigte, verloren die technisch am besten ausgerüsteten Drucker der Stadt ihren Großkunden.

Nach einem Treffen mit einer Handvoll Beratern am 20. Mai 1883 beschlossen Carl und August Richter selbst eine Zeitung zu verlegen und auf ihren Maschinen zu drucken. Es sollte ein „Generaler“ werden, also keine Zeitung mit einer vorgegebenen politischen oder konfessionellen Linie. Den „Generalern“ zu eigen ist der Anspruch auf eine Massenzeitung. Dies bedeutet: günstige Preise, viele Anzeigen, lokaler Eifer und regionale Vielfalt, also eine Zeitung für möglichst jedermann.

Bereits sechs Tage nach dem Gründungsbeschluss, am 26. Mai 1883, erschien die neue Zeitung mit dem Titel „General-Anzeiger für Würzburg und Umgebung“ mit einer Startauflage von 10.000 Exemplaren. [1] [2] Der Vertrieb der Zeitung erfolgte durch das Druckhaus Richter („J. M. Richter's Buchdruckerei“ [3]). Zunächst erschien sie nur dreimal wöchentlich in kleinem Format, wurde aber nach wenigen Wochen täglich herausgegeben und kostete im Monat 10 Pfennige. Die Haupteinnahmequelle war das erfolgreiche Anzeigengeschäft. Alleine im Gründungsjahr wurden schon 5.150 Anzeigen gezählt. Für Redaktion und Verlagsleitung zeichnete Carl Richter verantwortlich. Das Anzeigengeschäft wurde von seinem Bruder August Richter geführt, später von seinem jüngeren Bruder Otto Richter, der 1886 in die Verlagsleitung kam.

Im November 1884 wurde die neue 4-Seiten-Druckmaschine vom Würzburger Maschinenbauer König und Bauer in Betrieb genommen. Sie war die erste Rotationsmaschine in ganz Unter- und Oberfranken und schaffte für die damalige Zeit unfassbare 12.000 Exemplare in der Stunde.

Bereits nach den ersten Monaten war die Auflage des Blattes auf 15.000 gestiegen. [4] Im Juli 1884 erhielt der „Generaler“ seinen endgültigen Namen, der 57 Jahre lang Bestand hatte: „Würzburger General-Anzeiger“, abgekürzt W.G.A.. Der Würzburger General-Anzeiger wurde zum ersten Massenmedium in der Region Würzburg.

Im Dezember 1890 wurde das Format auf die Größe 34,5 x 50 Zentimeter vergrößert, was ungefähr auch dem Format der heutigen Main-Post entspricht.

Aufstieg, Erster Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise[Bearbeiten]

Bald reichte der Platz für die Druckerei und den Verlag in der Plattnersgasse nicht mehr aus. Die Richters kauften Grundstücke rund um die Plattnersgasse, Domerschulgasse und Sterngasse auf und bauten so ihre Druckerei Stück für Stück aus. Damit entstand mitten in der Altstadt eine kleine „Pressestadt“ mit J.M. Richters Verlag, J.M. Richters Buch & Kunst Druckerei und dem Würzburger General-Anzeiger. Um 1900 konnte der W.G.A. bereits auf rund 35.000 Leser blicken. Diese Erfolgslinie wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 gestoppt. Nach den politischen Turbulenzen den Nachkriegsjahre kehrte zunächst wieder Ruhe ein und bis 1927 stieg die Auflage des W.G.A. auf 54.000 Exemplare. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 kam ein neuer Einschnitt.

1933 konnte sich Karl Richter, der Sohn von Otto Richter und Erbe der mittlerweile verstorbenen Gründergeneration über das Jubiläum „50 Jahre Würzburger General-Anzeiger“ freuen, jedoch sollte bald der totale Zugriff von Partei und Staat auf die gesamte Presse auch in Würzburg erfolgen. Zwar war der W.G.A. kein NS-Hetzblatt wie das NSDAP-Organ Mainfränkische Zeitung, jedoch geriet der W.G.A. zusehends in national-patriotisches Fahrwasser, z.B. in der 112 Seiten starken Jubiläumsausgabe, in der Josef Goebbels als „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ dem W.G.A. gratuliert: „... und hoffe, dass er abermals ein halber Jahrhundert für Volk, Reich und Nation aufbauend und verantwortungsbewußt wirken möge.“ Bald sollte in Deutschland und auch Würzburg genau das Gegenteil von Verantwortungsbewusstsein und Aufbau eintreten, nämlich Medienmissbrauch und Zerstörung.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Mainfränkische Zeitung vom 8. November 1938

Am 31. März 1934 erschien mit einer Auflage von 28.000 zum ersten Mal die Mainfränkische Zeitung, die mit einem Hakenkreuz im Titel als NS-Organ gekennzeichnet war. Herausgeber war Gauleiter Otto Hellmuth.

Der W.G.A. war ein Paradebeispiel für die Selbstanpassung der bürgerlichen Zeitung nach der Machtergreifung im Jahre 1933. [5] Der W.G.A. wandelte sich von einer national-bürgerlichen Zeitung zu einer bürgerlich-national-sozialistischen. Weder der Herausgeber Karl Richter noch der Chefredakteur (damals: Hauptschriftleiter) Theo Kaufmann setzten dem NS-Regime Widerstand oder Resistenz entgegen. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass die Gau-Machthaber jeden Hauch von Resistenz mit Härte bekämpften; jede Kritik oder jedes medial formulierte Unbehagen wurde mit den ihnen zur Verfügung stehenden Machtmitteln - vom Verweis, Zeitungsverboten, Berufsverboten, „Schutzhaft“ bis hin zum KZ - zum Schweigen gebracht um so ihre Vorstellungen über „Pressefreiheit“ skrupellos und einfallsreich durchzusetzen. Die Folge davon war, dass der W.G.A. nicht nur seine mediale Eigenart und Vielfalt, seine kulturelle und soziale Substanz sowie Kompetenz einbüßte, sondern auch seine Attraktivität bei den Lesern verlor und damit Auflage. Nach der „Presse-Eroberung“ durch das NS-Regime steckte der W.G.A. in einer publizistisch-nationalsozialistischen Zwangsjacke und geriet zu einem NS-Propagandablatt auf niedrigstem Niveau.

1937 drohte die NSDAP-Holding „Vera“ [6] dem Verleger Karl Richter mit dem KZ und übernahm die Mehrheit an dessen Würzburger General-Anzeiger.

Am 14. Juni 1941, dem Tag des letzten Erscheinens des „W.G.A“, musste der Würzburger General-Anzeiger auf Druck der Nationalsozialisten eingestellt werden. [2] In der Produktionsstätte wurde stattdessen die Mainfränkische Zeitung von der NSDAP herausgegeben. Ab 16. Juni, dem Montag nach der als „Vereinigung“ beider Zeitungen bezeichneten Zwangsenteigung, erhielten die Leser dann das „NS-Gauorgan“ Mainfränkische Zeitung in einer zwangsgesteigerten Auflage von 88.000 Exemplaren. [7] Am 31. März 1945 wurde deren Produktion eingestellt.

Nach 1945[Bearbeiten]

Am 24. November 1945 wurde der Name Main-Post von den Alliierten lizensiert. Ein Teil der Belegschaft des Würzburger General-Anzeigers half beim Wiederaufbau der Druckerei. Den Zuschlag für den Vertrieb erhielt aber nicht der Verlagsinhaber Karl Richter, sondern Heinrich G. Merkel und Richard Seubert.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen und Literatur[Bearbeiten]

  • Main-Post: 1945 - 2015: 70 Jahre Main-Post. (Oktober 2015)
  • Franz Dülk: 1883 - 1983. 100 Jahre Zeitungen im Hause Richter. Mainpresse Richter Druck und Verlags-GmbH & Co. KG, Würzburg 1983

Weblinks[Bearbeiten]

Erläuterungen, Hinweise und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Das 15 Jahre ältere Fränkische Volksblatt kam gerade auf 3.400 Exemplare.
  2. 2,0 2,1 Würzburger General-Anzeiger (Staatsbibliothek Berlin)
  3. Telephon-Anlage Würzburg: Verzeichniss der Sprechstellen, Nr. 1 - abgeschlossen am 30. September 1887, Königl. Universitätsdruckerei von H. Stürtz, Würzburg 1887, S. 13
  4. Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Band 5. Berlin/Eberswalde 1908, S. 820.
  5. Nähere Informationen zur Machtergreifung im Jahre 1933 bei Wikipedia [1]
  6. Zur NSDAP-Holding „Vera“ siehe „Franz Eher Nachf. Verlag (Zentralverlag der NSDAP)“ im Historischen Lexikon Bayern [2]
  7. Ernst-Günter Krenig: Vom Intelligenzblatt zur modernen Tageszeitung, in: Unterfränkische Geschichte, hrsg. von Peter Kolb und Ernst-Günter Krenig, Band 5/2, Echter-Verlag, Würzburg 2002, S. 501-532, S. 517 f.