Marienkapelle

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Die Marienkapelle
Die Marienkapelle mit Oberen Markt
Immaculata (1713) von Jacob van der Auwera auf dem Turm der Marienkapelle
Marienkapelle am frühen Abend

Die Marienkapelle ist ein gotischer Kirchenbau auf der Nordseite des Marktplatzes. Sie gilt als Höhepunkt spätgotischer Baukunst in Unterfranken und ist der Nachfolgebau einer zerstörten Synagoge.

Patronat und Namensgeber[Bearbeiten]

Die große Kirche heißt nach katholischem Kirchenrecht „Kapelle“, da die Würzburger Bischöfe der Bürgerkirche keine Pfarreirechte verliehen haben. Namensgebend ist die Muttergottes (Die Kirche wurde früher auch als „Liebfrauen-Kapelle“ bezeichnet). Die Marienkapelle ist nicht zu verwechseln mit der Marienkirche, die sich im inneren Burghof der Festung Marienberg befindet.

Geschichte[Bearbeiten]

Am heutigen Standort der Marienkapelle und des Marktplatzes befand sich im 14. Jahrhundert noch ein morastiges Gebiet, das den Juden der Stadt als Wohngebiet überlassen war. Nachdem Würzburg im Jahr 1347 stark von der Pest betroffen war, schrieb man den Juden die Schuld an der Krankheit zu. Es kam zu einer so verheerende Judenverfolgung, dass diese sich teils selbst in ihren Häusern verbrannten. Auch die Synagoge wurde zerstört. An ihrer Stelle errichtete man zunächst eine hölzerne Kapelle zu Ehren Mariens. Vom jüdischen Gebetshaus blieb lediglich die Mikwe [1] erhalten, die sich unter der heutigen Sakristei befindet.

1377 begann unter der Regierung des Bischofs Gerhard von Schwarzburg (1372-1400) der Bau der jetzigen Marienkapelle mit der Grundsteinlegung des Chores am 16. Mai 1377. Dies verbürgt die Bauinschrift [1] am zweiten Strebepfeiler der Südseite des Langhauses. [2] Der Altarraum wurde 1392 geweiht. Die Stadt führt den Bau der Kirche weiter, das Langhaus konnte 1440 vollendet werden. 1441 wurde mit dem Bau des Kapellenturmes begonnen, dessen Bau im Jahre 1479 abgeschlossen wurde. Die Baumeister des Gotteshauses waren Meister Weltz, Eberhard Friedeberger, Linhard Strohmaier und Hans von Königshofen.

1493 wurden die berühmten Figuren „Adam“ und „Eva“ von Tilman Riemenschneider fertiggestellt und am Südportal angebracht (seit 1975 sind an der Kirche Kopien zu sehen, die Originale befinden sich im Mainfränkischen Museum).

Im 18. Jahrhundert wurde, unter der Regierung des Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenclau (reg. 1699-1719) eine größere Baumaßnahme durchgeführt. Der durch einen Blitzschlag am 1. Juni 1711 geschädigte Turm erhielt 1713 eine barocke kupfergedeckte Turmhaube nach Plänen von Joseph Greising. Als Abschluss dieser Turmhaube wurde eine nach Entwurf des Jakob van der Auwera durch den Goldschmied Martin Nötzel geschaffene kupfervergoldete Maria-Immaculata-Figur mit doppelter Schauseite aufgesetzt (Höhe der Figur: 5,38 Meter).

Von 1747 bis 1750 arbeitete der Stuckateur Johann Michael Feichtmayr im Innenraum der Kirche. 1843 - 1853 erfolgte eine Außenrenovierung. Da eine barocke Turmhaube als Stilbruch empfunden wurde und wenig gefiel, wurde der Turm 1856 - 1858 wieder mit einer gotischen Spitze versehen.

Beim Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945 erlitt die Marienkapelle starke Schäden. Dach, Fenster und Inneneinrichtung waren zerstört, die Mauern beschädigt, der Turm jedoch stand noch. Die wieder errichtete Kirche wurde 1962 von Bischof Josef Stangl (1957-1979) eingeweiht.

Bruderschaften[Bearbeiten]

Historische Abbildungen[Bearbeiten]

Außenbau[Bearbeiten]

Kopien der Skulpturen Adam und Eva an der Marienkapelle

Die Marienkapelle ist eine dreischiffige, gewölbte Hallenkirche mit einschiffigem Polygonchor von der Breite des Mittelschiffes.

Der an der Nordseite des Langhauses in der Westecke stehende, 72,96 Meter hohe Turm [3], welcher zwischen 1441 und 1460 durch Eberhard Friedeberger aus Frankfurt errichtet wurde, erhielt im 19. Jahrhundert nach dem Muster der Frauenkirche zu Esslingen den durchbrochenen Helm mit Maßwerkgalerie. Die Westfassade wurde mit einer neugotischen Fensterrosette bereichert.

Der Seitenturm zwischen Chor und Langhaus trägt den Namen Cyriakus-Turm. Darin hängt die Cyriakus-Glocke, welche von Cyriakus Abele gestiftet und 1989 geweiht wurde.

Die drei Portale mit den Tympana entstanden im 15. Jahrhundert. Die Tympana zeigen

  • im Nordportal Maria bei der Menschwerdung Gottes, ihre Aufnahme und Verherrlichung im Himmel sowie als Fürbitterin beim Jüngsten Gericht.
  • im Westportal das Weltgericht mit Christus als Richter auf dem Regenbogen. Eine um 1430 entstandene, hier in Kopie ersetzte Muttergottes-Statue, schmückt den Mittelpfeiler des Portals.
  • im Süd- oder Marktportal die Krönung Mariens. Rechts und links die unter Baldachinen stehenden Figuren von Adam und Eva. Diese Arbeiten schuf Tilman Riemenschneider ab 1490. Die Originalfiguren wurden 1894 entfernt und als Eigentum der Kapellenstiftung dem Historischen Verein, später der Stadt Würzburg, übergeben. Anschließend kamen sie ins Fränkische Luitpoldmuseum und nach dem Zweiten Weltkrieg ins Mainfränkischen Museum auf die Festung Marienberg. 1975 schuf der Würzburger Bildhauer Ernst Singer Kopien der Figuren von Adam und Eva, die seitdem am Marktportal der Marienkapelle zu sehen sind. [4]

Inneres[Bearbeiten]

Marienfigur in der Marienkapelle (1685)

Der Innenraum ist dreischiffig. Chor und Mittelschiff haben die gleiche Höhe, die Seitenschiffe sind um 1,5 Meter niedriger. Die Seitenschiffe werden von Kreuzrippengewölben überspannt, das Mittelschiff von einem Netzgewölbe.

Die Barockeinrichtung der Kapelle wurde in der Zeit der Neugotik - 1856 - entfernt und durch neugotische Einrichtungsgegenstände ersetzt. Diese letzte Einrichtung wurde beim Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945 vernichtet.

Die nunmehrige Einrichtung ist im modernen Stil gehalten. Die Figuren auf den Konsolen stellen Arbeiten zeitgenössischer Künstler dar, die durch die Bürgerschaft, Firmen und Verbände gestiftet wurden, so beispielsweise die Sandsteinfigur Jakobus des Älteren, 2002 durch Julian Walter geschaffen.

Aus der Vorkriegszeit ist das Relief mit Christus am Astkreuz erwähnenswert; ein Sandsteinrelief aus der Zeit um 1400, das in der südlichen Außenwand eingelassen ist. Es zeigt den „Tod Mariens“.

Grabstätte[Bearbeiten]

Von den ursprünglich 30 Grabdenkmälern haben sich nur wenige erhalten. An Balthasar Neumann, der in diesem Gotteshaus bestattet wurde, erinnert eine Gedenkplakette an einer Säule.

Glocken[Bearbeiten]

Drei der neuen Glocken, zur Weihe im Chorraum aufgehängt
Die neuen sechs Glocken im Altarraum
Am 3. August 2013 wurden die Glocken in den Glockenturm empor gezogen.

Die vier historischen Glocken im Hauptturm der Marienkapelle wurden beim 16. März 1945 durch die starke Hitzeeinwirkung des Feuersturms zerstört. 1971 wurde das Cyriakusglöckchen als Nachbildung des Originals von 1852 gegossen und aufgehängt. Erst 2013 (Weihe am 1. Mai) erhält die Marienkapelle wieder ein größeres Geläut. Mit finanzieller Unterstützung von Würzburger Persönlichkeiten, Unternehmen und Gruppierungen wurden sechs Glocken gegossen (12. April 2013) und nach den Marientiteln der lauretanischen Litanei benannt:

  • Regina Pacis (Königin des Friedens)
  • Auxilium Christianorum (Hilfe der Christen)
  • Salus Infirmorum (Heil der Kranken)
  • Refugium Peccatorum (Zuflucht der Sünder)
  • Consolatrix Afflictorum (Trösterin der Betrübten)
  • Regina Sacratissimi Rosarii (Rosenkranzkönigin)

Die größte Glocke mit einem Durchmesser von 1,20 Metern wiegt 1190 Kilogramm, die kleinste 240 Kilogramm. Die Tonhöhen wurden an die Glocken des Doms angelehnt und jeweils um einen Halbton höher angesetzt (fis1, gis1, ais1, h, cis2 und dis2). Sie sind einzeln mit Schlaghämmern ausgestattet und werden nicht nur zu den Gottesdiensten rufen, sondern auch jeweils zur Angelus-Zeit um 12 Uhr das Marienlied „O himmlische Frau Königin“ intonieren, das der Jesuit Friedrich Spee 1628 eigens für die Marienkapelle verfasst hat. (Gotteslob, Eigenteil des Bistums Würzburg Nr. 897, ab Dezember 2013 in der neuen Ausgabe Nr. 872). Ein Videobericht über den Guss der Glocken ist auf Youtube zu sehen [2]. Am 3. August 2013 wurden die Glocken in den Glockenturm empor gezogen, am 15. August feierlich in den Dienst genommen und das erste Mal nach dem Gottesdienst geläutet.

„Schwalbenlädle“[Bearbeiten]

Um die Kirchenmauer herum befinden sich kleine Läden, die der Kirche Mieteinnahmen bringen. Diese sogenannten „Schwalbenlädle“ schmiegten sich bereits im 15. Jahrhundert zwischen die Strebepfeiler der Marienkapelle und vermitteln uns so noch etwas vom Geschäftsleben des Mittelalters. Eines dieser „Schwalbenlädle“ beheimatet das kleinste Cafe Würzburgs (Brandstetter).

Veranstaltungen[Bearbeiten]

Am dritten Advent findet hier jährlich die Friedenslicht-Aussendungsfeier statt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Würzburg - Marienkapelle (Schild)-1.JPG

Literatur[Bearbeiten]

  • Felix Mader: Die Kunstdenkmäler des Königreichs Bayern. Band XII, Hrsg.: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, R. Oldenbourg Verlag München/Wien, Würzburg 1915
  • G. Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Band 1 „Mitteldeutschland“. Tübingen 1924

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Hinweise[Bearbeiten]

  1. „Actu anno domini mccclxxvii dominus Gebhardus, cornes de Swartzburg, episcopus Herbipolensis, posuit primum lapidem in vigilia penthecoste et est fundator capelle beate Marie virginis in platea judeorum in civitate Herbipolensis“
  2. Felix Mader: Die Kunstdenkmäler des Königreichs Bayern. Band XII, Hrsg.: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, R. Oldenbourg Verlag München/Wien, Würzburg 1915, S. 249
  3. Thomas Memminger: Würzburgs Straßen und Bauten. 2. Auflage, Gebrüder Memminger Verlagsbuchhandlung, Würzburg 1921, S. 258
  4. Matthias Risser: Adam und Eva die Seele eingehaucht. in: Würzburger Katholisches Sonntagsblatt Nr. 51/52, 20./27. Dezember 2015, S. 37 f.

Kartenausschnitt[Bearbeiten]

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