Ehrenhofgitter der Residenz

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Das Ehrenhofgitter der Residenz war eine Abschlussanlage des Ehrenhofes der Würzburger Residenz gegen den Residenzplatz.

Planungen[Bearbeiten]

Ausschnitt aus Neumann-Salvers Stich von 1723
Planung des Ehrenhofabschlusses von Johann Lucas von Hildebrandt. Getuschte Federzeichnung um 1733

Bereits am Anfang der 1720er Jahre findet man in den Rissen für den Bauplan der Würzburger Residenz Hinweise auf den Gedanken, die beiden Seitenflügel durch einen gitterartigen Abschluss zu verbinden. Die erste Andeutung einer solchen Idee enthält ein Entwurf des Architekten Maximilian von Welsch für die Anlage des Würzburger Hofgartens aus den Jahren 17201722. Auch auf dem Stadtbild von 1723, das auf Balthasar Neumann zurückgeht, ist ein einfaches Gitter mit zehn schlichten Pfeilern zwischen den beiden Flügelbauten eingetragen. Auf einer getuschten Federzeichnung von Salomon Kleiner, entstanden um 1723, ist der Abschluss des Ehrenhofes bereits viel großartiger dargestellt. Einen höchst komplizierten und eigenartigen Abschluss hat wenig später der französische Architekt Robert de Cotte, dem Neumann im März 1723 die Pläne für die Würzburger Residenz in Paris vorlegen musste, in seiner Skizze zum Hauptgeschossgrundriss eingetragen. Am klarsten ist die künstlerische Absicht auf dem eigentlichen Plan des Ehrenhofabschlusses zu erkennen, den der Wiener Architekt Johann Lucas von Hildebrandt wahrscheinlich im Sommer 1733 gezeichnet hat. Dieser Entwurf hat das schon früher aufgetauchte Motiv der gebrochenen Grundlinien übernommen und die Einfügung von Gittern zwischen figurengeschmückte Pfeiler, das dreifache Einfahrtstor und die von hohen schlanken Obelisken bekrönten Wachthäuser endgültig als Grundidee des ganzen Bauplans festgelegt. Auf einem Entwurf von Johann Lucas von Hildebrandt aus dem Jahre 1737 ist das Ehrenhofgitter bereits um je ein Gitterfeld auf beiden Seiten bereichert; ebenso zeigt es bereits die beiden später tatsächlich ausgeführten Herkules-Gruppen.

Auch dem Bauherrn selbst, Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn, lag die Herstellung des „Gatter- und Figurenwerkes“ sehr am Herzen. In einem Brief an Hildebrandt nach Wien vom 25. November 1731 spricht der Fürstbischof eingehend davon, wie er sich den Abschluss des Ehrenhofes denkt: ein Einfahrtsportal und 4-6 „Piedestalli“ [1]; für das Portal ein paar Löwen mit Obelisken; auf den Piedestalen Figuren, heroische Tugenden oder Herkulestaten oder Pipin und Karl den Großen; außerdem vielleicht noch Laternen. 1738 nennt er ausdrücklich den Ehrenhofabschluss „die Hauptzierde unseres dortigen Residenzpalastes, der eine vorzügliche Achtsamkeit verdiene“; und an anderer Stelle gibt er der Überzeugung Ausdruck, „wie dann dieses Gatter- und Figurenwerk als die größte Zierde der ganzen Sache“ zu betrachten sei.

Ausführungen[Bearbeiten]

Ausführungsentwurf des Ehrenhofabschlusses von Johann Georg Oegg, rechte Hälfte (1737-1740)

Im November 1735 will der Kunstschlosser Johann Georg Oegg, der 1733 von Friedrich Karl von Schönborn nach Würzburg zur Ausstattung der im Bau befindlichen Residenz berufen worden war, „mit den Gittern anfangen“ und beschafft sich bereits „gutes Eisen“. Im Sommer 1736 begann er das Werk, das er ursprünglich nach einer Zeichnung Hildebrandts arbeiten sollte; allerdings wehrte sich sein Künstlerblut gegen die mechanische Nachbildung eines fremden Entwurfs.

Aus einem Bericht Oeggs im August 1736 über seine bisherige Tätigkeit an den Bauherrn geht hervor, dass Oegg, im berechtigten Selbstbewusstsein des schaffenden Künstlers, einen neuen, reicheren und kostbareren Entwurf gemacht hatte, mit dem er Hildebrandt gegenüber in Wettbewerb treten wollte. Gegen Ende des Jahres 1737 gibt der Fürstbischof seinem Architekten Balthasar Neumann die Anweisung „die Disposition zu dem Schluß des Haupthoffs … von nun an ernstlich zu Papier zu bringen, alle Fordernussen schriftlich aufzusetzen, anzugeben und zu veraccordieren. Für die Ehrenhofgitter selbst verwandte Neumann nicht mehr die steifen Entwürfe Hildebrandts, sondern die bewegten und reicheren Zeichnungen Oeggs, die hier sogar einen Alternativvorschlag für die Formen der Gitter links und rechts vom Haupttor gemacht hatte.

Auf Grund dieser neuen Pläne und Verdingungen begann im Jahr 1738 die Ausführung der plastischen Arbeiten. Der gesamte bildnerische Schmuck war dem Bildhauer Johann Georg Wolfgang van der Auwera übertragen worden, der erst kurz vorher im Dezember 1736 von Wien wieder nach Würzburg zurückgekehrt war. Die Einzelentwürfe zur Plastik hat Auwera selbst gezeichnet; auch von allen Figuren und plastischen Details fertigte er Modelle an. Die Gitter wurden nach eigenen Entwürfen Oeggs gearbeitet. Für die Architekturteile wiederum, wie Pfeiler, Schilderhäuser, Obelisken, waren die Entwürfe Hildebrandts maßgebend. Neumann selbst war anscheinend bei Planung und Ausführung des ganzen Werkes als Künstler zurückgedrängt und hat wenigstens in diesem Einzelfalle im wesentlichen nur in der Rolle des Baubeamten mitgewirkt.

Bis zum Spätsommer 1738 hatte Auwera bereits die Modelle für alle großen Statuen angefertigt, auch schon gewaltige Sandsteinblöcke brechen lassen und im Rohen zugerichtet. Gleichzeitig hatte Oegg schon vier gleichgebogene Gitter vollendet, das übrige Schlosserwerk war in Arbeit. Im Jahre 1739 waren bereits drei Figuren für die Pfeiler angefangen. Anscheinend ergaben sich jetzt Schwierigkeiten mit dem Bildhauer, denn auffallend ist, dass die endgültigen Akkorde über die plastischen Arbeiten nach wiederholten Verhandlungen erst am 27. September 1740 abgeschlossen wurden. Auwera verpflichtete sich für den Gitterabschluss zu liefern: „zwei stehende Löwen mit großen Schildern, 10 Schuh [2] hoch; zwei doppelte Figuren, 13 Schuh hoch; sechs Sinnbildfiguren, 9 ½ Schuh hoch; acht Kriegsarmaturen, 8 Schuh hoch; sechs Urnen, 8 Schuh hoch; acht Schlußsteine an den Pyramiden; vier Kapitelle; endlich alle Zieraten an den Pfeilern.“ Alle Bildhauerarbeiten wurden dann in Auweras Werkstatt unter Mitwirkung seines Bruders Lukas Anton van der Auwera ausgeführt.

Bautätigkeiten[Bearbeiten]

Kupferstich (Ausschnitt) um 1760 von Johann Balthasar Gutwein

Im Frühjahr 1739 wurde der Grund für den Steinbau ausgehoben und im Mai das Fundament für die Hauptpfeiler aufgemauert. Oegg hatte damals schon die drei Tore und mehrere kleine Gitter fertig, die weiteren Arbeiten wurden beschleunigt. 1741 wurden die Pfeiler selbst gesetzt. Um diese Zeit waren auch alle Gitter fertig; sie wurden nunmehr zwischen die Pfeiler versetzt, ebenso die Tore. Im November 1741 fertigte Auwera nach Neumanns Angaben noch ein neues Modell für die Obelisken, die auf besonderes Wunsch des Bauherrn von Löwen getragen werden sollten. Gleichzeitig wurden die Bildhauerarbeiten an den bereits vor Ort und Stelle stehenden Pfeilern ausgeführt. Den Abschluss der ganzen Bautätigkeiten bildete der Reliefschmuck der Obelisken. Durch die Jahre 1742 und 1743 zogen sich die Arbeiten weiter. Im Herbst 1744 waren alle Statuen ausgeführt, ebenso die beiden Obelisken. Im November 1744 war die ganze Anlage fertig.

Erst im Jahre 1746 wurde dann noch der Anstrich der Bauteile durchgeführt: Postamente und anderes Steinwerk in „natürlicher Steinfarbe“, Figuren und Urnen weiß, die „Insignia“ der Figuren vergoldet. Das gesamte Werk hatte rund neun Jahre in Anspruch genommen. Die Vollendung hat Friedrich Karl von Schönborn noch erlebt. Er starb am 25. Juli 1746.

Entfernung der Anlage[Bearbeiten]

Bereits 1783 sieht sich Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal veranlasst, über Abbruch oder Erhalt des kaum 40 Jahre alten Ehrenhofgitters ein Fachgutachten der drei Hofbaumeister Johann Michael Fischer, Johann Philipp Geigel und Franz Ignaz Neumann anzufordern, über das am 19. Mai dieses Jahres auch Protokoll geführt wurde, in dem sie übereinstimmend ihrer Meinung dahin Ausdruck gaben, dass „sofern S. Hochfürstl. Gnaden zu dessen Hinwegschaffung nicht fest entschlossen seyn sollten, solches noch fernerhin stehend zu belassen wäre“. Franz Ludwig hielt sich an diese Empfehlung, allerdings nicht ohne seine eigenen Bedenken gegen jede Form eines solchen Abschlusses des Ehrenhofes der Residenz laut werden zu lassen: „Nachdeme so viel Diffikultäten wegen Hinwegnehmung der Vergatterung an dem großen Residenzhof gemacht werden und sogar schon von einem neuen niedrigen Gatter, welches daselbst angebracht werden müsse, geredet wird, obgleich ich nicht die geringste Notwendigkeit davon einsehe und der gedachte Hof durch kleine runde Säulen und Ketten gesperret werden kann, und ich mich nun niemahlen dazu (nämlich zu einem neuen niedrigen Gatter) entschließen werde …, so solle alles liegen gelassen werden“. Das Zitat spricht für sich selbst, lange konnte der Abbruch nicht mehr verschoben werden.

Die Anlage, die der fürstbischöfliche Erbauer, wie kaum ein anderer der großen Bauherrn des 18. Jahrhunderts selbst ein Künstler, die „Hauptzierde“ seiner Residenz genannt hatte, „die eine vorzügliche Aufmerksamkeit verdiene“, dieses Werk aus Stein und Eisen war wenig später als ein Menschenalter schon dem Verständnis dieser Zeit ganz entfremdet. 18031804 fertigte der Hofbedienstete der damaligen kurbayerischen Regierung in Würzburg Johann Andreas Gärtner einen Entwurf für einen „modernen“ Abschluss des Ehrenhofes an. Voraussetzung war auch hier die völlige Beseitigung der alten Anlage. Statt des in weitem Bogen ausgeschwungenen Grundrisses, der hohen Pfeiler mit Figurenschmuck und anderem barocken Beiwerk waren jetzt geradlinige steinerne Balustraden angeordnet, die weit sich in der Mitte öffneten und hier mit einer Wiederholung der berühmten Florentiner-Löwen geschmückt waren. Den „Hofplatz“ selbst schlossen weiß-blau bemalte Schranken ab. Aber auch dieser Vorschlag kam nicht zur Ausführung.

Am 20. September 1820 schrieb Kronprinz Ludwig I. von Bayern, der damals in Würzburg residierte, an Johann Martin von Wagner nach München: „Das häßliche, der hiesigen Residenz Mitte sperrende Gitter, mit welcher es gar nicht in Einklang, im Gegenteil dem Style der in allem verderbenden Zeit Ludwigs XV. gemäß ist, wird abgebrochen; die beyden Obelisken liegen bereits hie ab …“. Auf Anordnung des Hofmarschalls Jakob Washington wurde das „seinerzeit sehr kostspielige und kunstreiche eiserne Gatter und kollossalischen Statuen“ und die Pfeiler ab 1. September 1820 weggeräumt und mit Ausnahme der beiden Herkules-Gruppen auch versteigert. Die beiden „Kolosse“ wurden erst 1821 entfernt, aber nicht im Hofgarten, sondern später in den städtischen Anlagen aufgestellt.

Die öffentlichen Ausschreibungen für die Versteigerungen der Gitter und des Steinmaterials sind im Intelligenzblatt für den Unter-Mainkreis des Königreichs Bayern zu finden. [3] Daraus geht hervor, dass am 10. November 1820 „die bay der K. Residenz dahier abgehobenen Figuren und Urnen, die beyde Herkules ausgenommen“, versteigert wurden und mehrere Wochen später, am 20. Januar 1821 die Gitter und Einfahrtstore.

Die Gitter wurden an einheimische Schlossermeister in Würzburg als Alteisen verkauft und nach und nach verarbeitet. Der Figurenschmuck konnte in Würzburg selbst oder dessen Umgebung nicht mehr aufgefunden werden. Einzig und allein die beiden Herkules-Gruppen sind heute noch nachweisbar.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen und Literatur[Bearbeiten]

  • Theodor Henner: Altfränkische Bilder Jahrgang 1911, S. 15 (Online-Fassung)
  • Friedrich H. Hofmann: Das Ehrenhofgitter der Residenz in Würzburg. In: Zeitschrift für Denkmalpflege, II. Jahrgang 1927/28, Wien und Berlin, S. 171 ff.
  • Erich Hubala und Otto Mayer: Die Residenz zu Würzburg. Verlag: Edition Popp, Würzburg 1984
  • Richard Sedlmaier und Rudolf Pfister: Die fürstbischöfliche Residenz zu Würzburg. Teil 1: Textband. Georg Müller Verlag, München 1923. (Digitalisat bei archive.org)

Hinweise und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zur Definition des Begriffes „Piedestal“ siehe das Wikiwörterbuch Wiktionary [1].
  2. Der Würzburger Schuh entsprach ca. 29,2 cm. Weitere Informationen bei Wikipedia [2].
  3. Die erste Ausschreibung ist vom 8. November 1820 datiert und findet sich in Nr. 121, Sp. 1995 (Digitalisat). Die zweite Ausschreibung ist datiert vom 2. Dezember 1820 und findet sich in Nr. 132, Sp. 3077/3078 (Digitalisat); sie ist am 12. Dezember 1820 wiederholt worden.