Grafeneckart

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Grafeneckart

Der Grafeneckart ist der älteste Teil des Würzburger Rathauses. Er befindet sich in der Altstadt nahe dem Vierröhrenbrunnen. Durch den 55 Meter hohen, romanischen Turm ist das stadtgeschichtlich bedeutsame Baudenkmal zwischen Domstraße und Alter Mainbrücke schon von weitem zu erkennen.

Geschichte[Bearbeiten]

Zerstörter Grafeneckart

Das Gebäude wurde als mittelalterlicher Geschlechterturm [1] erstmals 1180 erwähnt. Benannt wurde der Turm nach dem bischöflichen Schultheißen und Vize-Burggrafen Eckhart de Foro (latinisiert Eggehardus) [2], der dort wohnte und 1201 ermordet wurde. Identifizieren lässt sich die Wohnbebauung anhand der repräsentativen Fenster zum Platz hin und einer Kaminanlage im Inneren. [3]

Der im Ursprung romanische Gebäudekomplex wurde im Jahr 1316 von der Bürgergemeinde käuflich erworben und in den folgenden Jahrhunderten beständig zu einer Stadtburg erweitert und erhöht. Diese sollte den Bürgermeister und seinen Rat vor Anschlägen und Überfällen schützen. Die Ratsversammlungen, die laut Lorenz Fries Die Würzburger Bischofs-Chronik zuvor im „Hof zur Sturmglocke” abgehalten worden waren [4], wurden in den Grafeneckart verlegt. 1453 wurde der Turm ausgebaut und mit der Feuer- und Sturmglocke versehen. Auch die Uhr wurde eingebaut. 1508 kam eine weitere Glocke hinzu. Der westlich an den Turm angebaute Seitenflügel trägt den Namen Grünbaum bzw. Grüner Baum und hat seinen Namen von einer Linde, die auf dem freien Platz vor dem Grafeneckart stand. Unter dem Baum wurde im Mittelalter Gericht gehalten, die Verurteilten kamen danach ins Verlies des Grafeneckarts. Im Grünen Baum wurde auch das sogenannte Bürgermahl (bzw. die Bürgermahlzeit) abgehalten, welches zur Erinnerung an die Aufhebung der Reichsacht im Jahr 1303 erinnern sollte. [5] [6] In diesem Gebäudeteil befindet sich der alte Ratssaal, der unter dem Namen Wenzelsaal bekannt ist. Im 16. und 17. Jahrhundert erfolgten vor allem Veränderungen an der Fassade - dies geschah unter anderem unter Konrad III. von Bibra und Julius Echter von Mespelbrunn. Hoch aufragend über die Bürgerhäuser der Altstadt verkörperte das Bauwerk das freiheitliche Selbstverständnis der nach Autonomie strebenden Würzburger gegenüber den bischöflichen Landesherren und war Symbol der bürgerlichen Freiheit. 1659/1660 wurde der Grafeneckart (bzw. dessen Seitenflügel „Grüner Baum”) nach Westen um den Roten Bau durch Bürgermeister Johann Pleickhard erweitert. 1672 gestaltete der Schweizer Stuckateur Prospero Breno die Decke des Ratssaales mit sieben symbolischen Figuren, Landschaften und Rosen aus Gips.

Zwischen 1912 und 1918 erfolgte eine Innen- und Außenrenovierung, im Zuge dessen der Ratskeller eingerichtet wurde. Die Jahreszahl 1914 wurde hierbei unterhalb des Grünbaum und oberhalb der Uhr in arabischen Zahlen und unterhalb der Datierung 1588 an der Südfassade des Turmes in römischen Zahlen ergänzt.[3]

Während der Bombenangriffe am 16. März 1945 wurde der mittelalterliche Kern des Grafeneckart teilweise getroffen. Hierbei blieben zwar Gewölbe und die Fassade erhalten, aber die im 16. Jahrhundert durchgeführten Erweiterungen über dem Wenzelsaal wurden vollständig zerstört. Dies hatte zur Folge, dass auch der Wenzelsaal in Mitleidenschaft gezogen wurde und 1950 renoviert wurde. [3] 1970 bis 1973 wurde der Ratskeller wiederhergestellt.

Im Jahr 2003 gab es eine umfangreiche Innenrestaurierung des Wenzelsaals. Seit November 2015 ist für eine umfangreiche Außensanierung des Grafeneckarts ein Gerüst aufgebaut, das im Frühjahr 2016 mit einer speziellen Schutzplane versehen wurde. Das Gerüst soll bis Mai 2017 stehen.

Gebäude und Architektur[Bearbeiten]

  • Der Platz vor dem Gebäude trägt den Namen Beim Grafeneckart; das Gebäude hat die Bezeichnung „Beim Grafeneckart 1” und ist Teil des Rathauskomplexes und daher mit Rückermainstraße 2 verbunden.
  • Der Turm hat einen annähernd quadratischen Grundriss von 7 auf 7,4 Meter Kantenlänge. Die Turmhöhe beträgt 55 Meter.[7]
  • Der zweigeschossige Wenzelsaal, eine mittelalterliche profane Halle hat eine Grundfläche von 9,50 auf 12,30 Metern und unterteilt sich in zwei Schiffe von 6,70 Meter (über einem Untergeschoss) und 4,70 Meter Breite. Es handelt sich um einen der ganz wenigen und gut erhaltenen romanischen Raum in Deutschland aus dieser Zeit, der nicht zu einer Kirche gehörte. Um 1336 wurde der Saal mit Wandmalereien ausgestattet.
  • Eine bemerkenswerte Sonnenuhr schmückt die Südfassade des Turms, vom Vierröhrenbrunnen aus gut zu betrachten. Die Inschrift mahnt zur Bescheidenheit: „Keines Menschen Geist hält den Lauf / Von Sonne, Mond und Sterne auf.” Bemerkenswert ist sie allerdings auch wegen ihrer Ungenauigkeit. Selbst nach präziser Umrechnung aller genau berechenbaren jahreszeitlichen und Längengrad-Abweichungen weicht sie, vor allem nachmittags, bis zu 40 Minuten ab. Dennoch ist die Sonnenuhr sehenswert. Wer Wert auf das Anzeigen der korrekten Ortszeit legt, sollte diese eher an einem sonnigen Vormittag im Mai aufsuchen. Unabhängig davon zeigt die oberhalb befindliche, beleuchtete Uhr am Turm die richtige Uhrzeit an. Die Uhr ist wiederum mit vier Wappen [8] und dem Schriftzug „Carpe Diem” (lat. Genieße den Tag) verziert.
  • An der Südfassade des Grünbaums befindet sich aufgemalt eine Baumdarstellung. Diese wurde 1597 vom Maler Alexander Müller, der dafür 29 Gulden erhielt, an der Fassade angebracht, nachdem zuvor die Gerichts-Linde auf dem Platz vor dem Grafeneckart umgestürzt war. [3] 1914 wurde die Fassadenmalerei restauriert. Aufmerksamen Betrachtern fällt auf, dass sich unten im Geäst des Baumes ein Vogelnest mit Vogel befindet.
  • Der ebenfalls an der Südseite befindliche Erker wurde um 1540 (vermutlich im Todesjahr des Bischofs 1544) unter Konrad III. von Bibra nachträglich angebracht und zeigt unterhalb der Fenster von Putten gehalten den Fränkischen Rechen (Herzogtum Franken), das Wappen von Konrad III. von Bibra und das Stadtwappen. [9]

Bilder[Bearbeiten]

Gedenkraum[Bearbeiten]

Im Erdgeschoss des Grafeneckarts befindet sich ein Gedenkraum für die Erinnerung an die Zerstörung Würzburgs. Die Dauerausstellung wurde 2010 / 2011 modernisiert und zeigt unter anderem ein Modell des zerstörten Würzburgs. Jedoch sorgte die Verwendung des Begriffs „Terrorangriff“ auf den neuen Infotafeln für kontroverse Diskussionen. [10]

Führungen[Bearbeiten]

Vom 6. Mai bis 26. Oktober 2013 fanden jeden Samstag kostenlose ca. eineinhalbstündige Rathausführungen statt. Treffpunkt war jeweils um 11 Uhr am Rathaushof beim Grafeneckart, gegenüber des Vierröhrenbrunnens. Es wurde unter anderem der Grafeneckart und der Ratssaal mit seinem monumentalen Wandgemälde von Wolfgang Lenz besichtigt. Auch der Wenzelsaal, der älteste Gebäudeteil des Rathauses, und der Wappensaal standen auf dem Programm. [11]

Jubiläumsjahr[Bearbeiten]

Im Jubiläumsjahr zeigt der Grafeneckart ein ganz anderes Gesicht. Zum ersten Mal seit den 1970er Jahren wird die Fassade des Rathausturms von Grund auf saniert. Damit verschwindet für ein Jahr ein Würzburger Wahrzeichen hinter einer Schutzplane, die besonders gestaltet wurde: [12]

  • Die fotografische Ebene: In grob gerasterten (gepixelten) Bildern sieht man auf der Westseite ein archetypisches Bild von Flüchtlingen. Es handelt sich um ein fast 70 Jahre altes Foto, das aber genauso gut einen tagesaktuellen Bezug ermöglicht ohne ausschließlich eine spezifische Flüchtlingsgruppe oder -problematik zu thematisieren.
Auf der Südseite ist ein Selbstportrait Tilman Riemenschneiders zu sehen (Detail vom Creglinger Marien-Altarretabel). Riemenschneider war in dieser Stadt künstlerisch, unternehmerisch und politisch (auch als Bürgermeister im Grafeneckart) tätig. Sein Portrait ist aufgeblendet auf ein Foto der Rathausfassade.
Auf der schmalen Ostseite ist im unteren Teil die erste Röntgenaufnahme der Hand mit Ring zu sehen. Im oberen Teil ist ein Bildnis W. C. Röntgens zu erkennen, der hier 120 Jahre nach der Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen, stellvertretend für bedeutende Würzburger Forscherpersönlichkeiten (u.a. 14 Nobelpreisträger) steht.
Gemeinsam ist diesen Bildern, dass sie erst mit zunehmendem Betrachtungsabstand besser zu erkennen sind. Was von Nahem als rotbraune Ansammlung von farbigen Kacheln erscheint, wird aus der Ferne zu einem, die mediale Wirklichkeit zitierendem Bild. Manches wird erst mit dem nötigen Betrachtungsabstand erkennbar, mit erworbener Kenntnis allerdings schon im Detail verständlich. Der Farbklang ist an den umgebenden Gebäuden angelehnt.
  • Typografische Elemente in der Planengestaltung: Die sieben Begriffe lauten „Wirklichkeit“, „Verständnis“, „Phantasie“, „Einsicht“, „Übersicht“ „Durchblick“ und „Weihrauch“. Neben dem eigentlichen Wortsinn beinhalten sie, in versalen Lettern gesetzt, auch noch die Personalpronomen ICH, DU, ER, WIR, IHR und SIE. So sind die Wörter in der Bedeutung in Wechselwirkung mit den Bildern inhaltlich aufladbar und vielschichtig zu interpretieren und führen auf elementare menschliche und politische Themen zurück.
  • Verbindendes Element: Als drittes Gestaltungselement wird das Gebäude von einem spektralfarbenen Liniengeflecht umweht, dass die anderen Elemente formal verbindet und neben den dekorativen Qualitäten zeichenhaft Begriffe wie „Buntes Spektrum“, „Divergierende Linien“, „Vorwärts und Rückwärtsbewegungen“, oder „ Auseinanderdriften und Zusammenlaufen“ veranschaulicht. Begriffe, die auch auf das soziokulturelle Zusammenleben einer städtischen Gesellschaft bezogen werden können. Der Bauzaun nimmt dieses Element auf und bietet schriftlich Informationen zum Gebäude und dem Themenbereich „Flucht und Vertreibung“.

Die Gesamtfläche der Plane beträgt 1.300 m², die Kosten für die Gestaltung der Plane belaufen sich auf 15.000 Euro. [12]

Im März 2016 wurde das 700-jährige Jubiläum mit einem großen Festakt, Führungen und Vorträgen begangen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Felix Mader (Bearb.): Die Kunstdenkmäler von Unterfranken und Aschaffenburg, XII: Stadt Würzburg, München 1915, ND München / Wien 1981, S. 548-569.
  • S. Göbl: Würzburg die Stadt des Rokoko. Ein kulturhistorisches Städtebild. Verlag Stürtz A.G., 12. Auflage, Würzburg 1926.
  • Jonas Justus: Aus der Frühzeit des Würzburger Rathauses. In: Die Mainlande, 1. Jahrgang (1950) S. 1f.
  • Thomas Heiler: Der Grafeneckart : Zur Geschichte des Würzburger Rathauses, Verlag Ferdinand Schöningh, Würzburg 1986, ISBN 3-87717-753-0
  • Elmar Hahn, Peter Schreiber: Würzburg - Perspektiven einer Stadt, Veitshöchheim 1990, ISBN 3-0902214-2-3, S. 28.
  • Hans Steidle: Am Anfang war ein Mord. Das Würzburger Rathaus als Brennpunkt von Politik und Geschichte. Echter Verlag, Würzburg 2012. ISBN 978-3-429-03506-8

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Geschlechterturm ist eine ursprünglich in Italien als Verteidigungswerke einflussreicher städtischer Familien entstandene Bauweise, nach der unterschiedlich hohe, in der Grundfläche meist quadratische Wohntürme errichtet wurden zur Verteidigung im von Fehden geprägten Frühmittelalter. Siehe Erläuterungen bei Wikipedia [1].
  2. Franz Schicklberger (Hrsg.): Alte Geschichten aus Würzburg. Böhler Verlag, Würzburg 1981. ISBN 3-9800630-0-3. S. 14f
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 Bauforschung Wieser
  4. Ob der Rat vor dem Erwerb des Grafeneckart im Jahre 1316 im „Hof zur Sturmglocke” untergebracht war, kann bis heute nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Winfried Schich lehnt in seinem Buch Würzburg im Mittelalter (Köln/Wien 1977, S. 175 f.) die Nachricht des Chronisten Lorenz Fries mit dem Hinweis ab, dass der Hof seit 1276 im Besitz des Klosters Ebrach gewesen sei, und demzufolge in dieser Zeit nicht als Versammlungsort der Bürgerschaft gedient haben könne. Für die Jahre vor 1276, in denen der Hof sich zuletzt in der Hand des Ministerialen Rudolf von der Eisernhosen befand, ist Schich allerdings von einer Verwendung der „Sturmglocke” für kommunale Zwecke überzeugt, jedoch nur als Versammlungsgebäude von Ministerialen. Hermann Hoffmann: Wo stand früher das Würzburger Rathaus?. in: Würzburg heute 15 (1973) S. 56-61, hält es dagegen für möglich, dass nach dem Verkauf der „area” an das Kloster Ebrach innerhalb des Hofgeländes ein Teil des Baues als Rathaus genutzt worden sein könnte.
  5. „Bürgermahlzeit“ mit mittelalterlichem Markt in Würzburg
  6. 15 Jahrhunderte Würzburg. Hrsg. von Heinz Otremba, Echter-Verlag, Würzburg 1979, S. 234a
  7. Auskunft Stadt Würzburg
  8. oben rechts das Würzburger Stadtwappen, oben links der fränkischen Rechen für Franken, unten links das Bayerische Wappen und unten rechts den Reichsadler
  9. Stefan Kummer: Die Architektur Würzburgs in der Echterzeit. In: Kulturstadt Würzburg. Kunst, Literatur und Wissenschaft in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Würzburg, 2013, S. 259
  10. Main-Post: „Terror gehört nicht in den Gedenkraum“ (17. März 2011)
  11. Information Stadt Würzburg
  12. 12,0 12,1 Pressemitteilung der Stadt Würzburg: „Grafeneckart im neuen Gewand: Facelifting zum 700. Rathaus-Geburtstag“ (März 2016)

Kartenausschnitt[Bearbeiten]

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