St. Michael (alt) (Kirchheim)

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Katholische Pfarrkirche St. Michael (alt) in Kirchheim
Westportal mit der Skulptur des Erzengels Michael
Innenraum der katholischen Pfarrkirche St. Michael (alt)

Die alte katholische Pfarrkirche St. Michael in Kirchheim liegt im Ortszentrum nahe des Rathauses. Im unmittelbaren Anschluss befindet sich die neue katholische Pfarrkirche.

Patrozinium

Beide Pfarrkirchen sind dem Erzengel Michael geweiht. Michael war nach der Überlieferung der Engel mit dem Schwert, der Adam und Eva aus dem Paradies trieb und den Lebensbaum bewachte (1. Mose 3, 23 - 24). Patrozinium ist am 29. September. [1]

Baugeschichte

In der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde eine kleine romanische Kirche aus Stein errichtet, von der noch die drei unteren Geschosse des Kirchturmes erhalten sind. Das Erdgeschoss des heutigen Turmes war der Chor des spätromanischen Raumes, das mit einem Kreuzrippengewölbe abgeschlossen und mit verschiedenen Blattornamenten verziert ist.

In der Zeit von 1701 bis 1703 wurde unter Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau die heutige „alte“ Kirche erbaut. Über dem Westportal ist die Jahreszahl des Baubeginns festgehalten. Der Kirchturm erhielt ein viertes Glockengeschoss und eine Spitzhaube. Das Untergeschoss des Turmes, also der Chor der Vorgängerkirche, diente ab dieser Zeit als Sakristei. Dieser Raum ist heute Votivkapelle für den zweiten Kirchenpatron, den hl. Sebastian.

Baubeschreibung

Der hohe dreiseitige Chor wird von einem Kreuzhochdeckengewölbe mit Kappenverschluss abgeschlossen. Das sich anschließende Langhaus ist wesentlich breiter als der Chor und ein rechteckiger Raum, dessen beide Seitenwände jeweils vier große Fenster besitzen.

Innenausstattung

Von der ursprünglich barocken Innenausstattung des Würzburger Hofbildhauers Johann Peter Wagner ist heute nur noch eine Tragfigur des hl. Michaels (entstanden zwischen 1776 und 1779) im Durchgang zwischen alter und neuer Kirche vorhanden. Die Kanzel von Wagner wurde nach Kleinrinderfeld verkauft und hat seitdem ihren Platz in der katholischen Pfarrkirche St. Martin.

Raumgestaltung

Zwischen 1790 und 1796 stattete der Würzburger Hofstuckateur Materno Bossi die Kirchheimer Kirche im klassizistischen Stil der Zeit völlig neu aus und ist seine letzte vollständige Einrichtung. Bossi erhielt zunächst den Auftrag, neue Seitenaltäre zu erstellen, wenig später auch für den Hochaltar und die Kanzel. Die Decke des Langhauses trägt kein Gemälde, sondern ist mit einem flachen Stuckrelief geschmückt, in dem der hl. Michael die aufrührerischen Geister niederzwingt. Der Künstler zeigt in diesem Stuckrelief die Fähigkeit, ähnlich wie in einem Deckengemälde, mit den Mitteln des flachen Stuckreliefs einen bewegten Vorgang darzustellen. Zwischen den Wänden und der Decke verlauf klassizistische Zopfmuster; in den vier Ecken werden die Evangelisten dargestellt. [2]

Die Wände des Langhauses sind von drei Pilastern [3] gegliedert, welche die Fensterjoche voneinander trennen. Die Wandpfeiler bestehen aus grauem Gipsmarmor und werden korinthischen Kapitellen (Akanthuslaub, Schnecken und Eierstab) gekrönt. Auch der Chor ist mit Ziermotiven und kirchlichen Insignien reich geschmückt.

Über dem Chorbogen hängt eine schwere und doch bewegte Vorhangdraperie, die von zehn Putten gehalten wird und eine Schriftkartusche einschließt: „Ecce Michael venit in adiutorium meum. Daniel, Cap. 10, 13“ („Siehe Michael kommt mir zu Hilfe.“) Unter der Schrift befindet sich im Goldrahmen eine goldene Lilie im blauen Feld, das Wappen des Ritterstiftes St. Burkard.

Hochaltar

Der Hochaltar erstreckt sich über die gesamte Breite der Schlusswand des Chors. Der Aufbau besteht aus grauem und violettem Gipsmarmor mit vergoldeten Zierstücken und Symbolen auf der Kuppel und den Tabernakeltüren. Der halbrunde kuppelförmige Tabernakel wird von Putten aus weißem Stuck umsäumt. Hoch über dem Altar sitzt in einem goldenen Strahlenkranz umgeben von Engelsköpfen Gott Vater mit der Weltkugel. Darüber erhebt sich als Bekrönung des Altars ein kranzartiger klassizistischer Baldachin, der an den Seiten von zwei Putten elegant gehalten wird und an dessen Unterseite der Heilige Geist als Taube schwebt. Anstelle eines Altarbildes bildet eine Kreuzigungsgruppe, bestehend aus einem Kruzifix in einem goldenen Strahlenkranz, zu dessen Füßen Maria Magdalena und ein Trauerengel knien, den Mittelpunkt des Hochaltars. Zwischen vier weitgestellten Säulen fällt das Licht durch zwei große Fenster, auf deren Bänken jeweils zwei Putten große goldene Ziervasen umrahmen. Auf dem Unterbau der vorderen Säulen halten vier größere Putten goldene Schrifttafeln; links mit dem Zitat „Quis ut Deus“ („Wer ist wie Gott“) und rechts mit „Sagittae infixae sunt mini“ („Deine Pfeile sind in mich eingedrungen, Ps. 37, 3“).

Seitenaltäre

Die beiden Seitenaltäre stehen schräg in den Chorbögen und sind aus grauem und rotbraunem Stuckmarmor gefertigt. Sie werden jeweils von zwei Säulen flankiert und sind bekrönt von Puttenobelisken und Vasen. In den Altarnischen stehen links die Mutter Gottes und rechts der hl. Joseph; beide haben das Jesuskind auf dem Arm.

Kanzel

Die Kanzel an der linken Wand ist ebenfalls aus Stuckmarmor. Auf dem rechteckigen Kanzelkorb sieht man Flachreliefgestalten mit Anker, Kind und flammendem Herz als Symbolfiguren der göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Davor stehen auf Rahmenerhöhungen die Büsten der vier abendländischen Kirchenlehrer: Hieronymus mit Posaune und Totenkopf, Augustinus mit dem flammenden Herzen, Ambrosius mit dem Bienenkorb und Gregor mit dem Evangelienbuch und Kopftuch. Auf dem rechteckigen reich verzierten Schalldeckel sitzen paarweise Puttenköpfe. Den Abschluss des Schalldeckels bilden zwei Engel, die Symbole des alten und neuen Testaments in den Händen haltend (die steinerne Tafel mit den Geboten und den Kelch). Die Unteseite des Schalldeckels ziert als Taube der Heilige Geist, ebenfalls von Puttenköpfen umgeben. An der Rückwand des Kanzelkorbes hängt ein Medaillon mit dem Bild eines jungen Mannes mit Hirtenhut und Schippe.

Orgelempore und Orgel

Die Orgelempore wird von zwei aus Stuckmarmor gefertigten Säulen getragen. Die Brüstung springt in der Mitte rechteckig hervor und zeigt ein Stuckmedaillon mit David mit der Harfe. Die übrigen Felder sind ausgefüllt mit Blütengehängen und Girlanden. 1785/1786 arbeitete Johann Georg Winterstein ein Gehäuse auf die Orgel [4] Sie war „samt Bildhauer- und Schreinerarbeit, dann aller Zubehör“ 1778 vom Hoforgelmacher Franz Ignaz Seuffert errichtet worden. [5]

Diese Orgel ist fünfteilig, in schöner Linie geschwungen und trägt reiches Rokokoschnitzwerk an den Seiten und über den Pfeifen. Durch den neuen Aufbau suchte Winterstein sie dem nun herrschenden Stil anzupassen. Er setzte auf das sicher jetzt viel ruhigere Gesims der äusseren Teile ziemlich große, etwas derbe stumpfnasige Putten, die üppige Rosengewinde in den Händen halten. Diese Girlande schwingt zum Aufsatz über dem Mittelteil empor, und hier wird ein Kreuzesschild kartuschenartig von ganz symmetrisch verlaufenden, bewegten C-Bögen umgeben, die mit ihrem Rocailleanklang sich dem unteren Schnitzwerk gut anpassen. Auch an den Ecken des Gesims sind aus diesem Grund noch letzte Überreste der Rocaille angebracht.

Das Orgelwerk wurde 1903 von der Firma Steinmeyer in Oettingen neu erbaut.

Taufstein

Auf der rechten Seite des Haupteingangs steht ein klassizistischer Taufstein, der samt Deckel und zwei Figuren mit der Taufe Christi 1783 von Johann Georg Winterstein gefertigt wurde. [6]

Der Taufstein wurde am 30. Oktober 1783 aufgerichtet [7], während er merkwürdigerweise die Inschrift 1785 zeigt. Vielleicht ist er für dieses Jahr bestellt worden, oder die Zahl wurde später falsch eingesetzt. Der Taufstein ist in Weiss und Gold gefasst und die einzige bekannte Arbeit von Winterstein in Stein. [8] Ein auf einem Sockel ruhender kannelierter Säulenstumpf trägt das muschelartig gebildete Taufbecken, um dessen oberen Rand sich ein Flechtbandmuster schlingt. Über dem Taufstein liegt der glatte hölzerne Deckel, und auf ihm steht lose die ebenfalls aus Holz gearbeitete figürliche Gruppe der Taufe Christi. Infolge der Aufstellung des Taufsteins in einer Ecke sind die Figuren in ihrer Ausführung nur auf den Anblick von vorne berechnet. Bis auf geringe Lasierungen ist die Fassung an den Fleischteilen alt, das Gold der Gewänder hat man dagegen erneuert.

Baudenkmal

Die katholische Pfarrkirche St. Michael findet sich in der Liste der Baudenkmäler in Kirchheim des Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (Stand 02.06.2015):

 Objekt  Beschreibung  Denkmalnummer
 Rathausstraße 3 Kath. Pfarrkirche St. Michael, Saalbau mit eingezogenem Chor und Chorturm mit Spitzhelm, Turm im Kern 13. Jh., Chor und Langhaus 1701, mit nördlichem Erweiterungsanbau auf quadratischem Grundriss mit exzentrischem Faltdach mit Lichtfries, Taufkrypta mit korbbogigem Grundriss, von Walter Schilling, 1964-1966; mit Ausstattung. nachqualifiziert  D-6-79-153-10 [2]

Siehe auch

Quellen und Literatur

  • Obst- und Gartenbauverein Kirchheim (als Anlass zum 70-jährigen Bestehen des Vereins) (Hrsg.): Pfarrkirche St. Michael Kirchheim. Vinzenz-Druckerei GmbH, Würzburg 2004
  • Katholisches Pfarramt Kirchheim (Hrsg.): Die Kirche St. Michael zu Kirchheim/Ufr. Fränkische Gesellschaftsdruckerei, Würzburg 1966
  • Gertrud Hirsch: Johann Georg Winterstein 1743-1806: ein fränkischer Bildhauer des XVIII. Jahrhunderts. Heitz, Straßburg 1927

Weblinks

Hinweise, Einzelnachweise und Erläuterungen

  1. Nähere Informationen über den Erzengel Michael im Heiligenlexikon [1]
  2. Symbole der Evangelisten:
    Auf vielen Bildern werden die vier Evangelisten mit ihren jeweiligen Symbolen dargestellt: Matthäus mit einem Menschen oder Engel, Markus mit einem Löwen, Lukas mit einem Stier, Johannes mit einem Adler. Diese vier Bilder sind der Offenbarung des Johannes (4, 6) entnommen, wo es in einer Vision des Gottesthrones heisst: „Das erste Lebewesen glich einem Löwen, das zweite einem Stier, das dritte sah aus wie ein Mensch, das vierte glich einem fliegenden Adler.“ Auch die Darstellung der vier Wesen mit Flügeln ist dieser Bibelstelle entnommen. Der Kirchenlehrer Hieronymus (347 bis 419) ordnete die vier Lebewesen den einzelnen Evangelisten zu, indem er auf die Anfänge ihrer Evangelien verwies: Matthäus beginnt mit dem Stammbaum und der Menschwerdung Jesu, daher der Mensch. Markus stellt an den Anfang seines Textes die Bußpredigt des Johannes, der wie ein Löwe seine Stimme in der Wüste erschallen lässt. Lukas berichtet zuerst vom Opferdienst des Priesters Zacharias, so dass der Stier als Opfertier zu seinem Attribut wurde. Und Johannes schließlich beginnt mit dem Prolog über das Wort Gottes und schwingt sich in einer Art „geistigem Höhenflug“ wie der Adler in Höhen, die die anderen nicht erreichen.
    Außer dieser Zuordnung zu den Evangelisten symbolisieren alle vier Wesen in der gemeinsamen Darstellung Jesus Christus selbst, dessen vier wichtigste Heilstaten in den Evangelientexten bezeugt werden: Der Mensch ist Abbild der Menschwerdung, der Stier bedeutet seinen Opfertod, der Löwe die Auferstehung und der Adler seine Himmelfahrt.
    (Quelle: Würzburger Katholisches Sonntagsblatt)
  3. Pilaster (lat. pila, Pfeiler), ein in den Mauerverbund eingearbeiteter Teilpfeiler, der auch als Wandpfeiler bezeichnet wird. Er kann tragende statische Funktion haben, muss diese aber nicht besitzen.
  4. Kirchheimer Gotteshausrechnung 1785/86, S. 29 im Pfarrarchiv. „18 fl. für ein Gehäus auf die Orgel samt Aufsatz und Verzierung dem Bildhauer Winterstein dahier bezahlt den 19. November 1786“.
  5. Kirchheimer Gotteshausrechnung 1777/78, S. 29, im Pfarrarchiv
  6. In der Gotteshausrechnung von 1782/83 (Gotteshausrechnung 1782/83, S. 25, im Pfarrarchiv Kirchheim) findet sich die Eintragung „48 fl für einen Taufstein samt Deckel und 2 Figuren, dann für ein neues crucifix, mehr für 4 Himmelsstangen mit Knöpfen samt denen Zwergstangen dem Bildhauer Winterstein dahier bezahlt.“
  7. Kirchheimer Pfarr-Protokollum ab anno 1693, S. 51 und Alois Karch, Pfarreiengedenkbuch von 1853, S. 3 Manuskript im Pfarrarchiv
  8. Nicht wie in: Felix Mader: Bezirksamt Würzburg in Kunstdenkmäler von Unterfranken und Aschaffenburg. Band II, 1911, S. 80 irrtümlich angegeben, aus Holz.

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