Russischer Hof

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Hotel Russischer Hof (zwischen 1914 und 1924)
Gebäude-Komplex Theaterstraße 1/3
Gedenktafel „Russischer Hof“ in der Theaterstraße

Das Hotel Russischer Hof, ein Barockbau aus dem 18. Jahrhundert, befand sich an der Ecke Theaterstraße/Barbarossaplatz.

Geschichte[Bearbeiten]

Ursprünglich standen auf dem Platz des ehemaligen Hotels Russischer Hof vier alte Häuser mit den Nummern 201-204. Eines davon war schon 1491 als das „Haus zur Mang“ bekannt, ein anderes als das „Haus zur Haug am Bach“, in dem ein Rotgerber [1] seinen Betrieb hatte, ein drittes war das „Haus an der Mang“ mit Garten. Bis zum Jahre 1738 zog sich vom heutigen Barbarossaplatz der alte Stadtgraben entlang der Theaterstraße bis zum Eck am Residenzplatz. Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn entschied in diesem Jahr, dass der Stadtgraben zugeschüttet werden solle. Die Bauplätze auf der rechten Seite der neu entstehenden Straße durften nur an diejenigen Einwohner abgegeben werden, die innerhalb eines Jahres nach dem Kauf ihren Neubau nach Plänen des Stadtbaumeisters Balthasar Neumann errichten ließen. Wer beide Bedingungen erfüllte, so ordnete der Fürstbischof weiter an, erhalte den Bauplatz unentgeltlich und steuerfrei und habe nur die Handlohnpflicht [2] und einen Kreuzer Grundzins pro Rute (12 m²) zu leisten. Die Nachfrage war enorm und auch die Altbesitzer der Häuser 202-204 ließen einen barocken Neubau errichten. Im Jahre 1772 ließ der Maurermeister Michael Anton Zängerlein auch das alte Haus Nr. 201 - das „Haus zur Mang“ - „Auf dem äußeren Graben“ abreißen ein neues stattliches Wohnhaus erbauen. Da er sich jedoch mit dem Bau des Hauses finanziell übernommen hatte, ging es 1775 in den Besitz des hochfürstlichen Rates und Hofkaplan Wenzeslaus Strobel (* 19. Januar 1737 in Zeuzleben; † 1791 in Würzburg), Kanonikus zu Stift Haug, über, der es zu Ehren des regierenden Fürstbischofs Adam Friedrich von Seinsheim (1755-1779) mit dessen Wappen schmücken ließ.

Nach dem Tode Strobels kam das Haus an den fürstbischöflichen Oberkammerrat Philipp Sauer, dann an Professor Dr. G. E. Wend. Als dieser 1821 starb, ging das Haus an den Staatsrat und Staatsminister Dr. Friedrich von Ringelmann, Professor an der Universität Würzburg. Die zwei Nebenhäuser waren bereits 1805 von Anton Krämer in das Gasthaus zum Fränkischen Hof umgestaltet worden, das 1833 Gottfried Blüthgen übernahm. Nun wurde auch das Hauptgebäude und dessen nördlicher Nachbar dazugezogen, von Gastwirt Georg Burkert [3] 1844 resp. 1848 übernommen, und dem Hotel der Name „Russischer Hof“ gegeben. Der Grund war, dass in den Jahren von 1868 bis 1885 der Gynäkologe Professor Wilhelm Scanzoni von Lichtenfels im Hotel seine vornehmen, besonders aus Russlands Hochadel stammenden, in seiner nahegelegenen Frauenklinik zu behandelnden oder zu entbindenden Patientinnen bzw. deren Angehörige und das Gefolge [4] unterbrachte. Nach Georg Burkert übernahm das Hotel Anton Springer. [5] Nach dessen Tod wechselte das große Anwesen wiederholt den Besitzer. Nach Besitzerwechsel und mehreren kleineren Umbauten durch andere Architekten, bekam Anton Josef Eckert im Jahre 1906 vom Besitzer Dr. Mock den Auftrag, eine Einfahrt sowie eine Wagen- und Automobilremise zu bauen. Im Folgejahr erfolgte der Einbau von Oberlichtern im Restaurant und Änderungen an der Eingangstür und den Fenstern. [6]

Im Ersten Weltkrieg und in der Inflationszeit ging die Anzahl der Hotelbesucher schlagartig zurück. Um dies zu ändern, plante der nächste Besitzer, Wilhelm Dippe, ab 1922 die Aufstockung um eine ganze Etage und den Ausbau der Mansarde. Anton Josef Eckert wurde zunächst mit dem Ausbau eines kleineren Zwischenflügels beauftragt, der noch 1922 abgeschlossen werden konnte. Anfang 1924 folgten die Planungen für eine komplette Aufstockung. Die Genehmigung hierzu wurde zwar rasch erteilt, jedoch kamen Einwände vom Landesamt für Denkmalpflege. Generalkonservator Georg Hager [7] befürchtete, die Änderung werde den Russischen Hof „in seiner charakteristischen historischen baulichen Eigenart und in seiner künstlerischen Bedeutung vollständig entwerten.“ [8] Auch Oberregierungsrat Wilhelm Förtsch äußerte Bedenken. Ihm ging es vor allem um die älteren Dachformen, die nach der Aufstockung verschwinden würden. Anton Josef Eckert gelang es jedoch, durch seine Erfahrungen mit den rechtlichen Aspekten von Baugesetz und Genehmigungsverfahren diese Hürde zu überwinden. [9] 1925 waren die Bauarbeiten abgeschlossen.

Ab Mitte der 1930er Jahre mieden viele Einheimische die Weinstube und den Salon des Hotels, weil der Gauleiter Otto Hellmuth und seine Paladine dort ihre Treffen abhielten.

Wiederaufbau nach 1945[Bearbeiten]

Beim Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945 brannte der „Russische Hof“ völlig aus und wurde bis auf die Fassade zerstört. 1946 war die Erhaltung und Rekonstruktion des „Russischen Hofes“ in den Plänen des Baurings vorgesehen. Selbst 1951 ging die Stadtverwaltung immer noch davon aus, dass der „Russische Hof“ erhalten bleiben würde, jedoch schien die Entscheidung von Seiten des Landesamtes für Denkmalpflege über die Zukunft des Anwesens bereits gefallen zu sein, da die meisten Ruinen der Balthasar-Neumann-Häuser auf der westlichen Seite der Theaterstraße bereits niedergelegt waren. Hinzu kam, dass der Bauherr des „Russischen Hofes“ eine Rekonstruktion seines Baues nicht einsah. Der Architekt Peter Feile argumentierte dem Landesamt gegenüber aus zweierlei Gründen für den Abbruch der Ruine: Er sah kaum noch originale Substanz und fernen würden wirtschaftliche Interessen gegen einen Wiederaufbau sprechen. Das Landesamt vertrat dagegen die Meinung, dass der originale Bestand durchaus in die moderne Planung integriert werden könnte.

1955 war der Abriss des „Russischen Hofes“ endgültig beschlossen und Architekt Karl Zippelius errichtete einen mächtigen Gebäudekomplex, der 1958 fertiggestellt war. Der großvolumige Gebäudekomplex in der historischen Innenstadt hielt sich zwar nahezu an die alten Baulinien, orientierte sich aber in seiner Erscheinung an den üblichen Bauten dieser Zeit und entsprach durchaus der Entwicklung der Theaterstraße nach dem Zweiten Weltkrieg.

An den „Russischen Hof“ erinnert heute nur noch eine Gedenktafel, welche im Innenhof des Nachfolgebaus angebracht ist.

Bildergalerie[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen und Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Erläuterungen[Bearbeiten]

  1. Gerber stellen aus Rinderhäuten das härtere Leder für Schuhe, Schuhsohlen, Ranzen usw. her. Der Rotgerber verarbeitet die von Fleischresten, Fett und Haaren befreiten schweren Felle mittels einer gerbsäurehaltigen, aus Eichen- oder Fichtenrinde hergestellten Gerbbrühe (Lohe). Dies erfolgte entweder mittels einem Versetzen der Häute in Lohgruben/Ziehlöchern (Dauer 6 Monate bis 3 Jahre) oder als Schnellgerbung mit Lohbrühe. Anschließend wurden die Häute gespült, getrocknet und verarbeitet. Der Rotgerber erzielt damit das haltbarste Leder, welches aber nicht zart oder geschmeidig ist; für einen Damenhandschuh sicher nicht brauchbar, wohl aber für einen Soldatenstiefel.
  2. Unter Handlohn wurde alles begriffen, was dem Fürstbischof für eine neue Bewilligung und Erteilung des nutzbaren Eigentums zu entrichten war.
  3. Thomas Memminger schreibt in seinem Buch Würzburgs Straßen und Bauten. 2. Auflage, Gebrüder Memminger Verlagsbuchhandlung, Würzburg 1921 auf Seite 366 vom „Gastwirt Georg Burkert“, der das Hotel 1844 resp. 1848 übernommen hat und auch im Adreß-Handbuch für die kgl. Bayer. Kreis-Haupt- und Universitäts-Stadt Würzburg 1852 ist auf Seite 170 ein Burkert, Johann Georg, Gastwirth zum russischen Hof. I. 204. Theaterstraße eingetragen. Im Adreß-Handbuch für die kgl. Bayer. Kreis-Haupt- und Universitäts-Stadt Würzburg 1870 findet sich auf Seite 14 ein Burkert, Anton, Gastwirth, Theaterstraße 1.
  4. Richard Kraemer: Würzburger Mediziner vor 50 Jahren, Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 5 (1987), S. 165-172, S. 167
  5. Gemäß Memminger war „Anton Springer“, laut Telephon-Buch von 1887 „André Springer“ der Besitzer des „Russischen Hofs“ bzw. des „Hôtel (de) Russie“ in der „Theaterstrasse 1 und 3“ (Telephon-Anlage Würzburg: Verzeichniss der Sprechstellen, Nr. 1 - abgeschlossen am 30. September 1887, Königl. Universitätsdruckerei von H. Stürtz, Würzburg 1887, S. 18)
  6. Thomas Memminger meinte wohl diese kleineren Veränderungen, die ihn dazu veranlassten etwas übertrieben zu schreiben: „1908 hat einer derselben (Besitzer) durch Architekt Anton Eckert das alte Haus in ein neues umwandeln lassen mit herrlichen Räumen und allem Komfort.“ (in: Würzburgs Straßen und Bauten., 3. Auflage, Gebrüder Memminger Verlagsbuchhandlung, Würzburg 1923, S. 332)
  7. Siehe hierzu „Zur Geschichte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege“
  8. Stadtarchiv Würzburg, Bauakten, Ältere Reihe, Nr. 4326, Schreiben des Generalkonservators Hager an die Regierung von Unterfranken vom 8. April 1924
  9. Stadtarchiv Würzburg, Bauakten, Ältere Reihe, Nr. 4326, Schreiben von Wilhelm Dippe an den Oberbürgermeister Hans Löffler vom 15. April 1924

Kartenausschnitt[Bearbeiten]

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