Deportation der Juden

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Zwischen November 1941 und Dezember 1944 fanden in Unterfranken an acht Terminen die Deportationen der Juden statt. Von 2069 Menschen, die in Würzburg und Kitzingen in die Züge getrieben wurden, überlebten nur 63 den Holocaust [1]. Deportation und Vernichtung der europäischen Juden stellten den Höhe- und Endpunkt der NS-Politik gegen die Juden dar, die nach der NS-Ideologie einer eigenen, minderwertigen „jüdischen Rasse“ angehörten. Shoa (auch Schoah) ist der Ausdruck für die NS-Judenvernichtung in Europa im Hebräischen.

Zeitdokumente zu den Würzburger Deportationen der Juden finden sich unter Judendeportation (Dokumente), weitere Informationen zu den Jahren von 1933 bis 1945 sind dem Artikel Würzburg in der Zeit des NS-Regimes zu entnehmen.

Die „Judenhäuser“ - erzwungene Konzentration in Sammelunterkünften

Die Politik der Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung begann auch in Würzburg bereits 1933. Die wesentlichen Etappen waren die sofortige Entlassung aller Juden aus dem öffentlichen Dienst, die Entrechtung durch die Nürnberger Rassegesetze von 1935, die systematische Enteignung jüdischen Besitzes seit diesem Zeitpunkt und der Novemberpogrom von 1938. Es folgten der Entzug der eigenen Wohnung und die Zwangsunterbringung in sog. „Judenhäusern“. Man nutzte dafür Häuser in jüdischem Besitz und vor allem zuletzt die Immobilien der jüdischen Gemeinde: das Internatsgebäude der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in der Bibrastraße 6, die beiden Altersheime in der Dürerstraße 20 und der Konradstraße 3, das Gebäude auf dem jüdischen Friedhof in der Faulenbergstraße in Lengfeld und zwei weitere, kleinere Häuser. Die „Konzentrierung“ der Betroffenen an wenigen Stellen in einer Stadt diente der sozialen Isolierung, einer leichteren Überwachung durch die Polizeibehörden und der Vorbereitung des Abtransports in die Durchgangs-, Konzentrations- und Vernichtungslager. Die von den Nazis so genannte „Entjudung von Wohnraum“ trug wie auch die Kennzeichnung durch den Judenstern seit 1941 ganz wesentlich zur weiteren Ausgrenzung der jüdischen Würzburgerinnen und Würzburger bei. Sie verloren ihre eigenen Wohnungen und damit die letzten Zufluchtsstätten und waren in den „Judenhäusern“ oft menschenunwürdig zusammengepfercht. Aus Verzweiflung kam es in Zusammenhang mit der Verfolgung auch zu Selbsttötungen.

Die erste Deportation: 27. November 1941

Am 27. November 1941 verließ der erste Transport mit 202 Jüdinnen und Juden aus Würzburg die Stadt. Diese Würzburger Deportation gehörte zu der ersten Gruppe der seit Herbst 1941 systematisch durchgeführten Transporte, mit denen das Reichssicherheitshauptamt die „Endlösung der Judenfrage“ in Deutschland einleitete. Mitten in der Nacht mussten die Menschen zu Fuß den Weg von der Schrannenhalle zum Güterbahnhof/Ladehof in der Aumühle zurücklegen. Zunächst wurden sie ins Sammellager in Nürnberg-Langwasser [2] (beim Reichsparteitags-Gelände) und am 29. November weiter in das Rigaer Außenlager Jungfernhof deportiert [3], einen heruntergekommenen Gutshof im besetzten Lettland.

Das Schicksal der 202 Würzburger Kinder, Frauen und Männer lässt sich nur ungefähr rekonstruieren. Viele erfroren oder verhungerten bereits im Winter 1941/42, andere wurden am 26. März 1942 im nahen Wald von Bikernieki an offenen Massengräbern erschossen. 40 Personen aus Würzburg blieben übrig und leisteten bis 1944 im Raum Riga Zwangsarbeit, bevor sie wieder nach Westen gebracht wurden. Am Ende überlebten 16 Menschen diesen Transport, darunter die beiden Würzburger Jungen Herbert Mai und Fred Zeilberger.

Die zweite Deportation: 24. März 1942

Die zweite Deportation am 24. März 1942 verschleppte 208 Personen von Kitzingen in das Durchgangslager Izbica in Ostpolen, darunter 18 Menschen aus Würzburg. Niemand überlebte den Transport, alle Personen wurden wohl spätestens bis zum Herbst in den NS-Vernichtungslagern der Region Lublin, allen voran in Sobibor ermordet.

Die dritte Deportation: 25. April 1942

Hatte die Gestapo die ersten beiden Transporte in der Würzburger Stadthalle bzw. im „Fränkischen Hof“ in Kitzingen abgefertigt, so nutzte sie für die nächsten drei Termine von April bis September 1942 den Platz'schen Garten.

Die größte Deportation aus Würzburg war die dritte am 25. April 1942, als 852 Juden in langen Reihen, von SS- und Polizeiposten bewacht, vom Platz'schen Garten über den heutigen Friedrich-Ebert-Ring, die frühere Hindenburgstraße, zum Güterbahnhof/Ladehof Aumühle laufen mussten. Für die Zugfahrt nach Krasnistaw bei Lublin im besetzten Polen musste jede Person 80 RM in bar bezahlen. Die Menschen kamen aus ganz Unterfranken, darunter 78 aus Würzburg. Vom Bahnhof in Krasnistaw wurden sie zu Fuß in das Durchgangslager Krasniczyn getrieben. Auch von ihnen überlebte niemand, bis zum Herbst 1942 kamen sie aufgrund der unsäglichen Lebensbedingungen in diesem oder weiteren Lagern um oder wurden in einem Vernichtungslager in der Region Lublin ermordet. Wenige erhaltene Postkarten zeugen mit ihren eindringlichen Bitten um Paketsendungen von der katastrophalen Versorgungssituation in den Lagern.

Das Gedenken an diese Deportation stand im Mittelpunkt, als am 10. Mai 2011 das erste Mal der Weg der Erinnerung begangen wurde, der an alle Opfer der Deportationen erinnern sollte. Die Namen und Geschichten der Opfer dieser Deportation aus Stadt und Region wurden recherchiert (von dem Projekt „wir-wollen-uns-erinnern“).

Die vierte Deportation: 10. September 1942

Die vierte Deportation am 10. September 1942 führte 177 Personen ins Ghetto und Durchgangslager Theresienstadt (Terezin) [4], darunter 79 Würzburger. Viele der Betroffenen waren, wie auch bei dem kurze Zeit später folgenden Transport nach Theresienstadt alt und manche krank. Das jüdische Krankenhaus und die Altersheime wurden komplett geräumt.

Die fünfte Deportation: 23. September 1942

Am 23. September 1942 wurden in einem weiteren großen Transport 563 Personen ebenfalls ins Ghetto Theresienstadt verschleppt, darunter 494, die zuletzt in Würzburg gelebt hatten. Um keine Unruhe in der Bevölkerung auszulösen, fuhr man sie mit Bussen zum Ladehof an der Aumühle. Viele der alten und kranken Menschen starben aufgrund der unsäglichen Lebensbedingungen in Theresienstadt, einige bereits innerhalb weniger Tage oder Wochen; andere wurden von dort weiter in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht und dort ermordet. 43 Personen überlebten die beiden Theresienstadt-Transporte, darunter die Familie des Kochs Max Fechenbach.

Die sechste und siebte Deportation: 17. Juni 1943

Der letzte größere Deportationstermin am 17. Juni 1943 betraf 64 Personen, die bis dahin das Funktionieren der jüdischen Gemeinschaft aufrechterhalten hatten. Sie wohnten alle in Würzburg. In zwei Transporten wurden sie verschleppt: 7 Personen ins Ghetto Theresienstadt und 57 Personen nach Auschwitz-Birkenau. Nur eines der Theresienstadt-Opfer überlebte.

Am 6. August 1943 fertigte die Würzburger Gestapo einen „Schlussbericht“ über die Deportationen aus ihrem Geltungsbereich an, in dem es in NS-Jargon unter anderem hieß:

„Am 17. Juni 1943 sind auf Grund des Erlasses des Reichssicherheitshauptamtes vom 21. Mai 1943 64 Juden aus Würzburg abgewandert. Mit diesem letzten Transport sind sämtliche nach den ergangenen Richtlinien abzuschiebende Juden aus Mainfranken abgewandert.“

Die achte und neunte Deportation: 17. Januar und 8. Dezember 1944

Zwei Männer, die zuvor aufgrund ihrer Ehe mit einer nichtjüdischen Frau, einer sog. „Mischehe“, von den Deportationen verschont geblieben waren, wurden am 17. Januar 1944 mit weiteren dreizehn Personen von Nürnberg nach Theresienstadt und im Oktober desselben Jahres von dort nach Auschwitz verschleppt. Auch eine Frau aus Aschaffenburg verlor ihren relativen Schutz nach der Scheidung von ihrem nichtjüdischen Mann, kam ins Gefängnis und wurde im Dezember 1944 noch nach Theresienstadt deportiert. Zwei dieser drei Personen überlebten.

Siehe auch

Literatur

  • Rotraud Ries und Elmar Schwinger (Hrsg.): Deportationen und Erinnerungsprozesse in Unterfranken und an den Zielorten der Transporte. Schriften des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken, Band 1, Ergon-Verlag GmbH, Würzburg 2015, ISBN 978-3-95650-066-4
  • Herbert Schultheis: Juden in Mainfranken 1933-1945 unter besonderer Berücksichti­gung der Deportationen Würzburger Juden. Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens. Band 1. Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a. d. Saale 1980. ISBN 3-9800482-0-9.
  • Herbert Schultheis / Isaac E. Wahler: Bilder und Akten der Gestapo Würzburg über die Judendeportationen 1941-1943. Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Hei­matkunde Frankens. Band 5. Rötter Druck und Verlag GmbH, Bad Neustadt a. d. Saale 1988. ISBN 3-9800482-7-6.

Pressespiegel

Weblinks

Hinweise

  1. Eine Übersicht zu den Deportationen [1]
  2. Nähere Informationen zum Sammellager in Nürnberg-Langwasser bei Wikipedia [2]
  3. Nähere Informationen zum Durchgangslager Jungfernhof bei Wikipedia [3]
  4. Nähere Informationen zum Konzentrationslager Theresienstadt bei Wikipedia [4]