Seligmann Lind

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Seligmann Lind

Seligmann Lind (* 8. September 1889 in Bermuthshain (Kreis Lauterbach); † 1942 in Majdanek) war ein jüdischer Kaufmann.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Jugend und Erster Weltkrieg[Bearbeiten]

Seligmann Lind war Sohn des Kaufmanns Alexander Lind und seiner Ehefrau Sophie geb. Hess geboren. Nach dem Besuch der Volksschule seines Heimatortes erlernte er von 1903 bis 1906 bei Jakob Strauß in Bad Homburg v.d.H. den Beruf eines Kaufmanns. Im Anschluss an seine Berufsausbildung hatte er mehrere Stellen im Kaufmannsgewerbe inne. Im Jahre 1915 trat er dann in das 87. Infanterieregiment in Mainz ein und nahm an mehreren Schlachten des Ersten Weltkrieges teil. Wegen seiner Tapferkeit im Feld wurde ihm am 18. August 1918 das Allgemeine Ehrenzeichen mit Inschrift und Urkunde verliehen.

Nach Kriegsende arbeitete Seligmann Lind ab 1918 im elterlichen Geschäft und führte es bis 1936. Wann und wie er seine spätere Ehefrau Gisela Adler kennenlernte, ist nicht bekannt. Gisela Adler kam am 14. Dezember 1892 als erstes Kind des jüdischen Viehhändlers David Adler und seiner Ehefrau Berta (geb. Hahn) in Goßmannsdorf zur Welt. Neben der Tochter Gisela hatte das Ehepaar Adler noch vier weitere Mädchen (Carry, Paula, Sophie und Fanny) und zwei Jungen (Wilhelm und Felix). Gisela und Seligmann Lind heirateten am 23. Oktober 1921 in Goßmannsdorf, nahmen aber ihren Wohnsitz in Bermutshain, wo auch die Kinder Ruth (geb. 31. Oktober 1922) und Martin (geb. 16. Mai 1925) zur Welt kamen.

Übersiedlung nach Goßmannsdorf[Bearbeiten]

Nach der „Machtergreifung“ 1933 wurde die Familie Lind zunehmend von den Aktivisten von NSDAP und SA in Bermuthshain angefeindet und bedroht. Eines Abends im Frühjahr 1936 überfielen einheimische SA-Männer das Haus und verwüsteten es. Die Linds flohen vor ihnen in den Wald außerhalb des Dorfes und wagten es erst am nächsten Morgen, wieder heimzukehren. Am 15. Mai 1936 verließ Seligmann Lind mit Frau und Kindern Bermuthshain und zog nach Goßmannsdorf, wo sie im Anwesen der Familie Adler (frühere Hausnummer 45, heute Zehnthofstraße 22) Aufnahme fanden. Dort wohnten zu dieser Zeit noch die Eltern von Gisela Lind und ihr Bruder Felix. Die anderen Geschwister hatten wegen Heirat oder aus beruflichen Gründen das Elternhaus bereits verlassen, so dass Wohnraum für die Neuankömmlinge vorhanden war. In Goßmannsdorf unterstützte Gisela Lind zusammen mit ihrem Ehemann die Eltern David Adler (gest. am 21. Juni 1937) und seine Frau Berta nach Kräften, lebten ansonsten wohl hauptsächlich von Ersparnissen, denn für Juden war damals ein Neuanfang im Handel so gut wie nicht mehr möglich.

Goßmannsdorf unterm Hakenkreuz[Bearbeiten]

Aufgrund der immer bedrängenderen Lage, die durch staatliche Gesetze und Verordnungen ab 1937 noch verschärft wurde, beantragte Seligmann Lind wie zahlreiche seiner Glaubensgenossen für sich und seine Angehörigen am 3. August 1938 beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart ein Visum für die Vereinigten Staaten. Der Entschluss zur Auswanderung dürfte Ergebnis der zunehmenden Unsicherheit und des Gefühls des Unerwünschtseins im nationalsozialistischen Staat gewesen sein.

Dass die Reichsregierung tatsächlich mit aller Macht die Juden aus Deutschland vertreiben wollte, sollte sich schon bald darauf erweisen. Denn in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938 fanden mit ausdrücklicher staatlicher Billigung auch im Landkreis Ochsenfurt schwere Ausschreitungen gegen Juden statt. Am Abend des 10. November 1938 versammelte sich in Ochsenfurt ein Kommando von etwa 30 Personen, darunter führende Parteimitgliedern der NSDAP sowie SA- und SS-Leuten aus der Ochsenfurt, und fuhr mit mehreren Personen- und Lastkraftwagen durch die Gemeinden des Kreisgebietes mit jüdischer Bevölkerung, wo sie Anschläge gegen israelitische Kultusgebäude und Wohnhäuser von Juden verübten.

In Goßmannsdorf, der ersten Station, waren die Synagoge (Zehnthofstraße 29) und die Wohnhäuser der Familien Adler/Lind und Mayer (Linke Bachgasse 9) Ziel von Anschlägen mit erheblichem Sachschaden. Seligmann Lind und Max Mayer (der Sohn von Jakob und Klara Mayer) wurden außerdem festgenommen und zusammen mit weiteren im Laufe der Nacht noch festgenommenen Juden ins Amtsgerichtsgefängnis in Ochsenfurt gebracht. Während Max Mayer am 21. November 1938 frei kam, wurde Seligmann Lind erst zwei Tage später aus der Haft entlassen, obwohl er wie sein Leidensgenosse bereits am 14. November wegen seiner bereits beantragten Auswanderung um Entlassung aus der Haft gebeten hatte.

Nach ihrer Rückkehr in das Dorf standen die beiden Freigelassenen und ihre Angehörigen unter scharfer Beobachtung der Polizei und der NSDAP. Aufgrund einer verleumderischen Anzeige bei der Gendarmerie verließ Martin Lind, der in Marktbreit zur Schule ging, aus Angst vor einer drohenden Verhaftung am 18. Januar 1939 Goßmannsdorf und zog zu seiner Tante Sophie Weimersheimer, die mit ihrem Mann Jakob in Ichenhausen (Landkreis Günzburg) in Schwaben wohnte. Ruth Lind folgte ihrem Bruder am 1. September 1940 nach Ichenhausen und arbeitete dort zeitweise als Schneiderin. Im Februar 1940 konnte Berta Adler, die Großmutter der beiden Letztgenannten, aufgrund einer Bürgschaft ihrer bereits ausgewanderten und in New York lebenden Kinder Carry, Paula und Willi Adler nach USA ausreisen, während ihre Tochter Gisela und deren Ehemann immer noch auf ihr Visum warteten. Nach einer Anzeige aus nationalsozialistischen Kreisen wegen seines „volksschädlichen Nichtstuns“ wurde Seligmann Lind im Frühjahr 1940 auf Anweisung der Geheimen Staatspolizei in Würzburg eine Arbeit in der Landwirtschaft oder im Handwerk zugewiesen.

Ab März 1940 arbeitete er daraufhin bei Landwirt und Wagner Johann Schmer in Goßmannsdorf als landwirtschaftliche Hilfskraft. Im Mai 1940 teilte das amerikanische Konsulat Seligmann Lind mit, dass er demnächst bei der Auswanderung zum Zuge kommen könne, sofern noch Quotennummern für die Einreise zur Verfügung stünden und die Voraussetzungen zur Erteilung eines Visums vorlägen. Das Ehepaar Lind kümmerte sich daraufhin vorrangig um die Auswanderung ihrer beiden Kinder, welche dann im Sommer 1941 gerade noch rechtzeitig gelang. Für sie selbst kamen aber alle weiteren Bemühungen um eine rettende Flucht aus Deutschland zu spät, weil das Reichssicherheitshauptamt in Berlin am 23. Oktober 1941 ein Verbot für die Auswanderung von Juden für die restliche Dauer des Zweiten Weltkriegs erließ. Zur selben Zeit begann die Reichsregierung mit den Vorbereitungen zur Vernichtung der Juden im Osten Europas.

Seligmann Lind und seine Frau Gisela wurden am 21. März 1942 aus Goßmannsdorf deportiert und am 24. März nach Izbica bei Lublin verschleppt. Vom Durchgangslager Izbica kamen sie sofort in das Vernichtungslager Majdanek, wo sie ermordet wurden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen und Literatur[Bearbeiten]

  • Joachim Braun: Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Goßmannsdorf a. M. Ochsenfurt 1988

Weblinks[Bearbeiten]