Reichsarbeitsdienst in Röttingen (1933-1945)

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Gruppenbild des Reichsarbeitsdienstes in der Burg Brattenstein (um 1936)

Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine staatliche Pflichtorganisation im nationalsozialistischen Deutschland, gegründet 1935, um junge Männer (ab 1939 auch Frauen) zwischen 18 und 25 Jahren zu sechs Monaten Arbeitsdienst zu verpflichten. Er diente der NS-Erziehung, der Beseitigung der Arbeitslosigkeit und paramilitärisch als Bau- und Hilfstruppe für die Wehrmacht.

Anfänge des RAD in Röttingen

Rückansicht der Burg Brattenstein (Gebäude des Reichsarbeitsdienstes) (um 1936)

Bereits im Jahr 1933 bestand in Röttingen ein Verein für den Freiwilligen Arbeitsdienst, dem als Ortsvorsitzender Lehrer Alfred Körner vorstand. Er diente als organisatorische Grundlage für die spätere Einrichtung des Reichsarbeitsdienstes in der Stadt. Am 18. Januar 1934 erfolgte die überetatmäßige Aufstellung der RAD-Abteilung 7/284 unter Oberfeldmeister (Oberleutnant) Adolf Kennerknecht (*29. Oktober 1901 in Immenstadt im Allgäu). Als Standort wurde die Burg Brattenstein bestimmt.

Aufbauphase und erste Maßnahmen (1934–1936)

Schlafsaalbau des Reichsarbeitsdienstes in der Burg Brattenstein (um 1936)

Die Abteilung wurde zunächst mit einer Sollstärke von 120 Mann eingerichtet. Bis zum Sommer 1934 wurde die Burg durch 25 kommandierte Facharbeiter anderer RAD-Abteilungen grundlegend umgebaut. Der Förderverein für den Freiwilligen Arbeitsdienst unterstützte die Arbeiten mit 7.000 Reichsmark. Der Burghof wurde eingeebnet und betoniert, Außenmauern erneuert sowie ein neuer Zufahrtsweg angelegt. Am 27. Januar 1934 traf mit Feldmeister Felix Weigel ein eigener Bauführer ein, der zugleich stellvertretender Abteilungsführer wurde. Im Februar 1934 standen einfache Unterkünfte für rund 100 Arbeitsmänner zur Verfügung, am 21. März konnte der neu geschaffene Speisesaal erstmals genutzt werden.

Als erste größere Arbeitsmaßnahme begann die Abteilung mit einer acht Hektar umfassenden Ödlandaufforstung. Daran schloss sich die Rodung im östlichen Teil des Bürgerwaldes an, um neues Ackerland zu gewinnen. Der erste Abschnitt umfasste zehn Hektar. Diese auf anderthalb Jahre angelegte Rodungsaktion wurde im Ort später nur noch als „die Maßnahme“ bezeichnet.

Am 1. Juli 1934 wurde die Einheit als Vollabteilung mit einer Stärke von 216 Mann etatmäßig bestätigt. Sie gliederte sich in vier Züge, von denen drei im historischen Burgareal untergebracht waren, während ein Zug in einem Barackenlager unterhalb des Appellplatzes lag. Im Herbst 1934 wurde ein Sportplatz angelegt; im Januar 1936 war der Bau einer Übungshalle abgeschlossen.

Am 13. September 1934 erhielt die Abteilung den Traditionsnamen „Markgraf Albrecht Achilles“. Diese Namensverleihung stand in keinem unmittelbaren historischen Bezug zur Stadt Röttingen.

Führungswechsel und Ausbau der Maßnahmen (1935–1938)

Burg Brattenstein: Appell im Lager Röttingen des Reichsarbeitsdienstes (um 1936)

Nach der Versetzung Kennerknechts im September 1935 übernahm Feldmeister Conrad Hader die Leitung. 1936 folgte ihm Heinrich Fröhlich. Die Abteilung beteiligte sich regelmäßig an propagandistischen Veranstaltungen, darunter Fackelzüge, Standkonzerte und Feierlichkeiten zu nationalsozialistischen Gedenktagen.

Im Juli 1936 besuchten Reichsarbeitsführer Konstantin Hierl, Reichsminister Walther Darré und Reichsführer-SS Heinrich Himmler im Rahmen einer Inspektionsreise das Lager in Röttingen. Zu diesem Zeitpunkt war die Rodungsfläche bereits erheblich erweitert worden.

Zum 1. Oktober 1936 wurde die Einheit der RAD-Gruppe 285 zugeordnet und als 7/285 „Markgraf Albrecht Achilles“ geführt, später als 1/285. Die Arbeiten konzentrierten sich weiterhin auf die großflächige Rodung, die schließlich rund 110 Hektar umfasste. Hinzu kamen Wegebaumaßnahmen sowie wasserbauliche Arbeiten im Rahmen der Flurbereinigung, insbesondere im Gebiet Strüth.

1937 und 1938 beteiligte sich die Abteilung an Ernteeinsätzen in umliegenden Ortschaften, stellte Abordnungen für Parteiveranstaltungen und nahm mehrfach am Reichsparteitag in Nürnberg teil. Während der Sudetenkrise im September 1938 wurde die Einheit kurzfristig nach Kochendorf am Neckar verlegt.

Verlegung und Umwandlung in ein Frauenlager (1939)

Im April 1939 erhielt die Abteilung den Befehl zur Verlegung nach Haselgrund bei Gleiwitz in Oberschlesien. Bis Anfang Mai 1939 verließen die letzten Arbeitsmänner und das Führerkorps Röttingen. Damit endete die Geschichte der männlichen RAD-Abteilung am Standort Burg Brattenstein.

Zwischen Mai und Juli 1939 wurde das Lager für die Nutzung durch den weiblichen Reichsarbeitsdienst umgebaut. Küche, Heizungsanlage und Innenräume wurden modernisiert. Am 1.  Juli 1939 bezog die RAD-Abteilung 12/190 (w) unter Maidenführerin Röder das Lager. Später trug die Einheit die Bezeichnung 2/190 (w).

Der weibliche Reichsarbeitsdienst in Röttingen (1939–1945)

Die Aufgaben der RAD-Maiden lagen vor allem in der Kinderbetreuung, landwirtschaftlichen Hilfsdiensten, Erntehilfe, Gemüseanbau, Aufforstung sowie in der Betreuung einer Kükenaufzuchtstation. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges waren zeitweise auch Luftwaffeneinheiten im Lager einquartiert.

Mehrere Führungswechsel prägten die Kriegsjahre. Unter anderem standen Maidenführerinnen wie Knies, Oescher und zuletzt Wülke an der Spitze der Abteilung. Die Lagerverwaltung lag zeitweise in den Händen von Marta Bauer, Lisbeth Kahl und weiteren Funktionsträgerinnen.

Im Frühjahr 1945 wurde die Abteilung offiziell aufgelöst. Die organisatorische Abwicklung erfolgte durch Maidenunterführerin Huhn. Damit endete die zwölfjährige Geschichte des Reichsarbeitsdienstes in Röttingen.

Siehe auch

Quellen

Weblinks

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