Lehrkolonie Marienberg

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Lehrkolonie Marienberg am Oberen Burgweg
Lehrkolonie Marienberg während der Bauphase

Die Lehrkolonie Marienberg (auch: Lehrkolonie Marienberg-Würzburg) war eine in den Jahren 1920 bis 1921 am Oberen Burgweg errichtete Lehrkolonie mit insgesamt 17 Versuchsbauten, die anschließend bezogen wurden. Bei den sogenannten „Heimstätten“ handelte es sich um kleine Wohnhäuser mit Gärten für ärmere Menschen, die Haus für Haus mit verschiedensten Baumaterialien (Holz, Lehm, Bruchstein etc.) erbaut wurden. Durch die verschiedenen Hausformen und die Zuhilfenahme der zukünftigen Bewohner („Heimstätter“) sollte eine möglichst sparsame und wirtschaftliche Bauweise gefunden werden. Die Heimstätter waren dabei in einem Verein organisiert - alle Arbeiten und Kostenstellen wurden akribisch dokumentiert und analysiert.

Lage

Die Lehrkolonie wurde entlang des Oberen Burgweges (Fahrstraße mit Infrastruktur zur Festung Marienberg) auf 18.000 Quadratmeter Ödland realisiert.

Lageplan


Hintergrund und Zielsetzung

Ausschlaggebend für die Entstehung der Lehrkolonie war der rasche Bevölkerungsanstieg nach dem Ersten Weltkrieg und damit verbunden ein gestiegener Bedarf an Wohnraum. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Versorgung der Siedler mit Nahrung, womit sich hier auch die ersten Ansätze der Gartenstadt-Bewegung wiederspiegeln. Effektive Bauweisen - insbesondere für die ärmeren Bevölkerungsschichten - fehlten zu dieser Zeit noch. Auch die Folgen des Krieges waren noch deutlich spürbar. Es gab somit Forschungsbedarf im Heimstättenbau.

Ziel der Lehrkolonie war es, Wissen über die technischen und wirtschaftlichen Grundlagen des Heimstättenbaus zu sammeln. Elementar zeigten sich drei Faktoren, die eine sparsame Bauweise ermöglichen sollten:

  • Baunormen: Es wurde nach fränkischer Baunorm gebaut. Diese sollte einerseits ein einheitliches Erscheinungsbild der Wohnhäuser gewährleisten („einheitliche Dorf- und Kleinstadtbilder“) und andererseits Vergleichsmöglichkeiten schaffen (Vorbilder/Referenzen für zukünftige Bauprojekte).
  • Bodenständige Bauweisen: Gearbeitet wurde mit Baustoffen, die „der Boden zur Verfügung stellt“: Holz, Bruchstein, Stroh, Kalk, Sand, Lehm usw. statt Backsteinen, Zement und Eisenerzeugnissen. Die Baustoffe sollten so vor Ort beziehbar und in ausreichender Menge verfügbar sein und letztlich auch günstig im Preis sein.
  • Selbstbau/Selbsthilfe: Durch die Eingliederung der zukünftigen Heimstätter - in der Regel der Bauherr und Angehörige - in die Arbeitsprozesse sollten letztlich Lohnkosten eingespart werden. Gerade handwerklich begabte Heimstätter hatten hierbei Vorteile. Der Selbstbau brachte den Nebeneffekt mit sich, dass die Bindung der Bewohner an ihre Häuser und damit auch die Bereitschaft, diese sorgsam zu behandeln und zu pflegen deutlich größer war.

Umsetzung

Haus in der Bauphase

Nicht jeder war für den Heimstättenbau in dieser Form geeignet: Es kamen nur Familien in Betracht, die Verständnis für die Bodenkultur hatten und bereit waren, ihre ganze Arbeitskraft und Freizeit für die Bauvorhaben einzubringen. Die Heimstättenanwärter waren in einem eingetragenen Verein, dem Lehrkolonie Marienberg-Würzburg e.V., organisiert. Diese Rechtsform stellte an die Bauherren nicht so viele Anforderungen wie das Genossenschaftsgesetz sie für Baugenossenschaften vorsahen.

Die Gesamtfläche von 18.000 Hektar wurde vom bayerischen Staat im Erbbaurecht für 99 Jahre zur Verfügung gestellt. Die Fläche wurde in 20 Teilgrundstücke mit 500 bis 1.300 Quadratmeter Fläche unterteilt. Entlang des Oberen Burgweges liefen bereits Strom- und Wasserleitungen, die auch eine Versorgung der neuen Bauwerke möglich machte. Die Entsorgung von Abwasser und Abfällen erfolgte auf den Grundstücken u.a. in Abortgruben. Trotz der für Würzburger Verhältnisse hohen Lage waren die Heimstätten durch vorgelagerte Wäldchen gut vom Wind geschützt. Die Umsetzung der Lehrkolonie erfolgte in zwei Bauphasen: 1920 wurden die ersten fünf Versuchsbauten errichtet, 1921 folgten weitere zwölf Heimstätten. Es handelte sich sowohl um Einfamilien- als auch um kleine Mehrfamilienhäuser. Die zweite Bauphase lief aufgrund der im Vorjahr gesammelten Erfahrungen bereits deutlich zügiger ab.

Fränkische Baunorm

Der Typ des fränkischen Bauernhauses bildete die Grundlage aller Versuche: Ein Haus mit Keller, Erdgeschoss und hohem, ausgebauten Giebeldach. In der Einfamilienhaus-Variante befanden sich im Erdgeschoss an einem Flur mit Treppe eine Stube („Wohnzimmer“), ein Schlafzimmer und eine Küche. Über die Treppe erreichte man das Obergeschoss mit Vorratsraum und weiteren Schlafzimmern. Direkt angebaut befand sich ein Stall (Tenne, Kuh- und Schweinestall, Abort, oben Futterboden).

Materialien

Keller und Sockel waren hauptsächlich mit Bruchsteinmauerwerk ausgeführt - in Würzburg konnte man auf solide Muschelkalksteine zurückgreifen. Die weiteren Mauern und die Giebel wurden in verschiedenen Varianten (u.a. Holzgerippe, Ständerwerk, Stakung, Erd-Stampfwerk etc.) erbaut.

Erkenntnisse

Als günstigste Baumaterialien zeigten sich Lehm und Holz, wobei die Ständerwerke/Stakwerke gegenüber den Holzgerippen wirtschaftlicher waren. Auf die Erfahrungen wurde auch bei zukünftigen Siedlungen im Würzburger Stadtgebiet Rücksicht genommen: Sei es bei dem Einbezug der Heimstätter in Bauprozesse (siehe Kupsch-Siedlung), einheitliche Häusertypen (siehe Notwohnungen Faulenbergstraße, Kriegersiedlung Galgenberg etc.) oder bei der Raumaufteilung. Die Lehm-Bauweise konnte sich jedoch größtenteils nicht durchsetzen, was unter anderem auch den Entwicklungsprozessen bei Baustoffen geschuldet war.

Heutige Situation

Von der einstmaligen Lehrkolonie sind zwar keine Gebäude mehr im Originalzustand der frühen 1920er Jahre erhalten, dennoch lässt sich durch die gegenwärtigen, ebenso kleinen Häuschen mit hohen Satteldächern noch der urspüngliche Charakter der Siedlung erahnen. Die Grundrisse der Grundstücke am Oberen Burgweg blieben trotz der Um- und Neubauten unverändert. Von den einstigen Alleebäumen mussten viele einer breiteren Straße zur Festung weichen - vereinzelt stehen jedoch noch Bäume.

Quellen

Quelle mit vielen Illustrationen und Baukosten-Übersichten:

  • Beiträge zur Förderung des Kleinwohnungsbaues, IV. Folge: Die Lehrkolonie Marienberg-Würzburg. Ermittlungen über technische und wirtschaftliche Grundlagen des Heimstättenbaues. Schriften des Bayer. Landesvereins zur Förderung des Wohnungswesens (Hrsg.), Heft 20, München, 1922. (bestellbar in der Universitätsbibliothek)

Kartenausschnitt

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