Das Wilde Heer bei Greußenheim

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Das Wilde Heer bei Greußenheim ist eine Sage in der Gemeinde Greußenheim im westlichen Landkreis Würzburg.

Sage[Bearbeiten]

„So gehabt euch denn wohl, Gevatterin!“ sprach unter der Thüre seines Hauses im Dorfe Hettstadt, was einige Stunden unterhalb Würzburgs rechts der Heerstraße nach Frankfurt gelegen ist, ein Mann zu einer Frau in der bäuerlichen Tracht des Landes – „Gehabt euch wohl, und möge der Himmel Euch geleiten! Der Tag ist freilich zu Ende, und will die Dunkelheit mit Macht hereinbrechen; dafür aber gelangt Ihr, ohne Euch wehe zu thun, nach Greußenheim in einer halben Stunde und habt es dann unter Eurem Dache so sicher und behaglich, als Ihr nur immer wünschen und verlangen mögt.“

„Schütze Gott Euch, Gevatter, bis auf baldige Wiedersehen, und lebt wohl mit Euren Kindern, die, weil wohl gerathen und der Hoffnungen voll, wie der Lenz mit seinem Sonnenglanze und seiner Blumenpracht, Ihr hochhalten müßt, wie das Licht Eurer Augen. Ein Kind an die Brust zu drücken … Wie Ihr glücklich seid!“ – sprach die Frau aus dem Dorfe Greußenheim und seufzte schmerzlich, während vielleicht der Schleier des Abends die Thräne in ihrem Auge verhüllte.

„Laßt Euch nicht Leid thuen, da? Sohn oder Tochter Euch fehlt, und bedenkt, daß auf dieser Erde mehr Schatten ist, als Licht. Hört mich an, Gevatterin! Stände ich jetzt vor dem lieben Gotte, so wie vor Euch, um eine Gnade zu erbitten und zu erhalten, so spräche ich zu ihm: Herr, verleihe meinen Kindern alles Glück, was diese Erde gestattet, und einstmals einen seeligen Tod, mir aber Vergessenheit, dass ich Vater bin!“

„Ich habe Eure Worte wohl vernommen, aber ich verstehe Euch nicht!“ – erwiderte die Bäuerin. „Ihr würdet mich gar wohl verstehen, kenntet Ihr die Bangigkeit der Sorge für Kinder. Glaubt Dem, der sie erlebte, und dankt dem Himmel!“

„Mir sei die ängstigende Sorge fremd – meint Ihr! Nahm mir der Tod nicht schon einmal ein Kind aus den Armen!“ – Die Stimme der Frau bebte in qualvoller Erinnerung.

„Ohne Euch zu kennen, kam es und ging, wie der flüchtige Sternenstrahl, der durch die treibende Sturmwolke blitzt, und sah weder die Sonne sich heben noch sich senken. Jammert Euch die Blüthe des Apfelbaumes, die der Wind verwehet, daß sie nicht zur Frucht geworden, oder seht Ihr sie nicht gleichmüthig treiben, bis sie im dunklen Moose, ihr Grab gefunden? Schmerzt Euch eine Knospe, die der Frost getödtet, dass sie nicht zur purpurnen Rose sich entfaltete? Ihr habt die Sorge nie empfunden! Aber, Gevatterin, die Nacht sinkt tiefer und tiefer, und Ihr habt noch Wegs vor Euch und Zeit, meine Rede zu bedenken und Euch glücklich zu preisen. Erinnert Euch bald wieder, daß ein Haus in Hettstadt Euch erwartet.“

„Gott schütze Euch, Gevatter, und Eure Kinder!“ entgegnete die Bäuerin und ging die Dorfstraße hinab, die nach Greußenheim führt. Bald befand sich die Bäuerin außerhalb des Dorfes und vor dem Walde zwischen Hettstadt und Greußenheim, der finstrer noch der Finsterniß der Nacht sich entrang und in Grabesstille lag, wie die Gegend rings umher, und nach kurzer Frist in demselben, wo kein Regen eines Blättleins, kein Stöhnen eines Astes, kein Rauschen eines Wildes im Gebüsche oder das heisere Krächzen eines Raben sie in ihrem Sinnen störte. Und so gedachte sie denn eher wohl freudig des kleinen Hauses mit den weißen Mauern und dem rothen Ziegeldache, wo bald wieder ihr stiller Fleiß ordnend und schöpfend walten sollte, oder schmerzlich der getäuschten Hoffnung in jenem kleinen Kinde, welches der Nachbar mit einer verwelkten Apfelblüthe und mit einer gestorbenen Rosenknospe verglichen hatte, als - wenn anders dieser nächtliche Gang hinter den 24. September des Jahres 1673 fiel – des wüsten und rohen kaiserlichen Heeres, das zur Rettung des von den Franzosen unter Turenne gequälten Landes sich längs des Maines dahin wälzte und in überschwänglichem Anschlage seines Schutzes in die Geschichtsblätter der Dörfer Greußenheim, Zell, Margetshöchheim, Erlabrunn, Ober- und Unterleinach und anderer mit blutig flammenden Zügen das Wort Plünderung schrieb, während sein Feldherr Montecuculi auf der fürstlichen Burg Marienberg von dem Bischofe und Herzoge Philipp Hartmann, des adligen Geschlechtes von Rosenbach, dem Fürsten der beraubten Marken, als Gast geehrt und gehalten ward. In welche Träume oder Erwägungen nun immer diese Frau auf ihrer einsamen Wanderung durch den schweigsamen Wald versunken gewesen sein mochte, so wurde sie aus solchen doch plötzlich durch ein unbestimmtes sonderbares Geräusche aus weitester Ferne hinter ihr erweckt und erblickte sich wendend eine matt schimmernde, nebelhafte, sich wirrende Menge, welche in der Luft mit reißender Schnelligkeit gegen sie herankam und von Augenblick zu Augenblick an unheimlichem Glanze und an Größe zunahm.

„Das wilde Heer!“ sprach die Frau gefaßt nach überwundener Überraschung des Schreckens, indem sie ein Kreuz schlug und sich auf den Boden warf – „ Gefahrlos für Jeglichen, der ihm nicht muthwillig in den Weg tritt, wird es ohne Arg und Tücke vorüberbrausen und ….“ Die Frau vollendete ihre Rede nicht.

Der Zug war schon lange über sie hinweggetobt, sprühende Glanz der Nähe und der matte Schimmer der Ferne waren erblichen und erloschen, der brausende Lärmen, zusammenströmend aus Hörnerklang, Hundebellen und Jagdruf, war matt verklungen, und kein Regen eines Blattes am Baume, kein Stöhnen eines Astes, kein Rauschen eines scheuen Wildes im Gebüsche oder heiseres Krächzen eines Raben unterbrach die tiefe Stille ringsumher, als die Bäuerein, das Antlitz mit Todesblässe übergossen, sich nur mit Mühe vom Boden erhob und müde und matt dem Dorfe Greußenheim zuschwankte, wo sie hochauf athmete, als Licht aus den Fenstern des Dorfes durch die Nacht ihr entgegenglänzte und zehn Schläge vom Kirchthurme mit dem Anklange der Heimath wie Freunde langer Jahre traut sie mahnten.

„Aber was ist dir begegnet? Du zitterst und bist bleich?“ fragte der Mann der Bäuerin, als sie noch immer unter der Nachwirkung des kürzlichen Erlebnisses in die Stube trat und schwach mit sichtlich erschöpften Kräften auf einen Stuhl niedersank. – „Was hat deinen Weg gekreuzt?“ fragte zum zweiten Male der Bäuerin Eheherr, als sie in Schweigen verharren zu wollen schien. „Das wilde Heer!“ entgegnete kaum hörbar die Frau und schauderte von Neuem bei der frisch geweckten Erinnerung.

„Aber nur ein Kind kann erschrecken, wenn der Mondschein den Strauch zur abenteuerlichen Fratze zieht – zum riesigen Manne, der mit funkelnden Augen auf dich herabblickt und nach dir zu langen scheint, oder zum Zwerge, der zu deinen Füßen lauert!“ – sagte verweisend der Mann – „Das wilde Heer beleidigt Keinen, der sich vor ihm beugt, was du wissen müßtest, da du Lenz und Herbst schon genug in´s Land kommen und wieder ziehen sahst.“

„Ich that auch, was man soll!“ erwiderte die Frau, die allmählich sich erholte, wie heimisches Gefühl mit Vervielfältigung häuslicher Mahnungen mehr und mehr erstarkte – „ Aber doch ist es über mich gekommen, dass ich bebte und von Entsetzen erfaßt wurde; denn wie der Schwall über mich weg dahin treibt und braust, drückt es für einen Augenblick wie mit der Hand eines kleinen Kindes auf mich und ruft – Wort um Wort wurde schwächer, so schnelle zog es fort: Das ist der Schrein, der einstmals mich verschloß!“

Die Frau schwieg und versank gleich ihrem Manne in Nachdenken, bis endlich der Letzte die lange Stille, in welche der einförmige Gang der großen Wanduhr hineinklang, mit den Worten unterbrach: „Es mag wohl sein, dass nicht Furcht dich täuschte und wahrhaft sich begeben hat, was du erzähltest.“

„Es verhält sich, wie ich gesagt!“ betheuerte die Bäuerin mit der Zuversicht voller und unerschütterlicher Überzeugung – „Bevor es sich begab, hatte weder Furcht noch Traum Theil an mir; denn mein Auge war offen und mein Herz schlug ruhig!“

„Ich glaube dir!“ erwiderte ernst der Bauer – „Man weiß zu gut, daß das kleine Kind, welches das Licht der Welt erblickte und wieder Abschied von ihm nahm, ohne daß geweihtes Wasser den alten Makel von ihm wusch, mit dem wilden Heere ziehen muß. Du hast wohl nicht vergessen, was Gott vormals über uns verhängte.“

„ Das arme Kind!“ – sprach jetzt die Bäuerin auf das Schmerzlichste bewegt – „Ich fühlte den Druck seiner Hand und hörte seine Stimme. Mein armes Kind!“ „Tröste dich und spare Thräne und Klage!“ – sprach der Mann mit fester Zuversicht – „Denn alles Leid findet dereinst sein Ende, und die Zeit wird kommen, in welcher der liebe Gott in unerschöpflicher Barmherzigkeit Jeden liebend an sein Herz nimmt, der nicht selber mit unvergebbarer Schuld sich belastet und des Herrn Gnade verwirkt hat.“

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  • Dr. J.M. Ruland: Vokssagenbuch der fränkischen Lande. 1854, Nr. 28